In der Sendereihe "Tatsachen und Meinungen" des Rias Berlin sprach der amerikanische Schriftsteller und Rußlandexperte Louis Fischer über "Umgeschriebene Geschichte": eine vergleichende Betrachtung zu dem 1938 von Stalin herausgegebenen (und zum Teil von ihm selbst verfaßten) "Kurzen Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei" und der soeben erschienenen – von Chruschtschow mit seiner Geheimrede auf dem’20. Parteitag der KPdSU provozierten – Neufassung dieser "Bibel der internationalen kommunistischen Bewegung".

Die bereits von Stalin "frisierte" Geschichte der zwanziger und ersten dreißiger Jahre ist also abermals umgeschrieben worden. Das neue "im Geiste des wissenschaftlich-marxistischen Objektivismus" entstandene Werk indessen ist trotz solcher Vorbemerkung der Herausgeber – das sind elf Historiker, Mitglieder der sowjetischen Akademie der Wissenschaften – wiederum nicht reine Geschichtsschreibung. Vielmehr "legen", so formulierte Fischer, "die 736 Seiten die politische Generallinie fest und geben die offizielle Version der sowjetischen Vergangenheit wieder: sie sind Sprachregelung für die Gegenwart und Prognose wie Programm für die Zukunft". Zahlreich sind die Beispiele von – im Vergleich mit der ersten Fassung zum Teil recht plumpen – Versuchen, historische Tatsachen zu verfälschen oder ganz zu unterschlagen. Wurde in dem Lehrbuch von 1938 die Unfehlbarkeit Stalins zum unantastbaren Prinzip erhoben, so strotzt das neue Werk – neben dem Tabu der wegweisenden, ja seherischen Genialität Lenins – von "Anzeichen eines sich um Chruschtschow entwickelnden Personenkults". "In einer Diktatur", so sagt Fischer, "scheint es einfach unmöglich zu sein, daß der erste Mann ohne die Glorifizierung seiner eigenen Person auskommt."

So wird im Bericht über den 19. Parteitag (1952) dem damals noch weniger bekannten Chruschtschow wegen dessen Rede über Änderungen des Parteistatus eine halbe Seite eingeräumt, während Malenkow, der das Hauptreferat gehalten hatte, mit keiner Silbe erwähnt wird. In Chruschtschows Geheimrede von 1956 wurde Malenkow noch als "Stalins rechte Hand während des zweiten Weltkrieges" bezeichnet – in der neuen "Parteigeschichte" wird er – der Nachfolger des Diktators als Ministerpräsident der Sowjetunion 1953 – überhaupt erst 1956, und zwar als "Mitglied der parteifeindlichen Gruppe Malenkow – Kaganowitsch – Molotow" genannt; über seine Bedeutung und seinen Werdegang in den vorangegangenen fünfzehn Jahren erfährt der Leser nichts. Vom sowjetisch-finnischen Winterkrieg dagegen heißt es: "Gegen Ende des Jahres 1939 gelang es den westlichen Imperialisten, die finnischen Reaktionäre zum Angriff (!) auf die Sowjetunion zu provozieren." Und: "Im Oktober 1956 organisierten reaktionäre imperialistische Kreise, vorwiegend aus den Vereinigten Staaten, eine konterrevolutionäre Erhebung in Ungarn."

Über das Verhalten der Westmächte 1918 schließlich war im "Kurzen Lehrgang" von 1938 – "einer Zeit, in der Rußland ein freundschaftliches Verhältnis zu Amerika suchte und noch nicht. die führende Rolle in der Welt anstrebte", wie Fischer sagt – lediglich die Rede von Briten und Franzosen, die Truppen im nördlichen Rußland landeten. In der neuen Version der "Parteigeschichte" werden die Amerikaner den Invasoren schlicht hinzugefügt; denn dem Leser von 1959 muß Amerika als notorischer Störenfried eingeredet werden, ohne Rücksicht auf die historische Wahrheit.

Der Ruf Chruschtschows nach dem "Ende von Lug und Trug", auf dem 20. Parteitag ist längst verhallt. Die Person Stalins mag aus dem kommunistischen Geschichtsbuch fast verbannt erscheinen, sein Geist ist lebendiger denn je. Die neueste Publikation aus dem Hauptquartier des imperialistischen Weltkommunismus erinnert einmal mehr an Orwells schauerliche Vision; seit "Wahrheitsministerium" von 1984 ist bereit; Jahrzehnte früher Wirklichkeit geworden.

Allein, die Hoffnung bleibt, so meinte der Vortragende, daß die unausbleibliche "bessere Versorgung mit Konsumgütern und Luxusartikeln auch in Rußland das Streben nach größerer politischer Freiheit fördern wird und das Verlangen nach einer sowjetischen Geschichtsschreibung, die der Wahrheit näher kommt als diese zweckbestimmte ‚Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion‘ ".

Die Sendung bot manches an neuen, bisher unbekannten Tatsachen. Indes, so aufschlußreich sie für einen großen Hörerkreis auch gewesen sein mochte – formal konnte sie (als offenbar etwas hastig konzipierter Vortrag) nicht befriedigen. Das Thema aber ist ohne Frage wichtig und ergiebig genug: um in einer sorgfältig vorbereiteten Sendung umfassender und präziser gestaltet zu werden, die dann getrost von anderen Sendern übernommen werden dürfte. Alf Werner Apel