Genf, Mitte Juli

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als werde aus unerfindlichen Gründen ein längst vom Spielplan abgesetztes Stück noch einmal aufgeführt. Dieselben Hauptdarsteller und Chargen, dieselben Kulissen – und beinahe dieselben Gerüchte. Aber der Schein trügt, das Spiel geht weiter, es ist tatsächlich ein neuer Akt. Einstweilen steht der Dialog so:

1. Die Russen wünschen auch die Geheimverhandlungen nunmehr als Sextett. Damit war ein weiterer Schritt getan auf dem Wege der bereits weit fortgeschrittenen de facto Anerkennung des sowjetischen Protektorats in Deutschland, der Anerkennung als eines selbständigen Staates. Der Westen wehrt sich, diesen Schritt zu tun.

2. Bonn und Westberlin sind bemüht, die Westmächte auf eine "Entberlinisierung" der Konferenz festzulegen. Adenauer und Brandt sollen diesen Kurs bei ihrer Besprechung am 1. Juli in Berlin beschlossen haben. Grund: die Berlin-Frage ist ein Teil der Deutschlandfrage; Ziel: sie soll auch nur im Zusammenhang mit ihr gelöst werden.

3. Die Westmächte erinnerten sich nur kurz an diese Tatsache, im übrigen sind sie bemüht, sich an eine praktische Regelung der brennenden Fragen heranzuarbeiten. Nach wie vor besteht ja die Drohung der Russen, die Westmächte nicht länger in Berlin zu dulden, jedenfalls nicht auf der Basis ihrer Besatzungsrechte.

4. Gromykos Bestätigung, die Sowjetunion werde keine einseitigen Aktionen in Berlin unternehmen, wenn man sich über eine Interimslösung in Westberlin einige und eine "Gesamtdeutsche Kommission" konstituiere, wird als Fortschritt oder doch Entschärfung gewertet.

5. Deutlicher noch als vor drei Wochen sehen alle Seiten in dieser Konferenz nur den Ausgangspunkt für eine Serie von Ost-West-Verhandlungen auf verschiedenen Ebenen. Der Osten quittiert diese Perspektive mit demonstrativem Optimismus, Der Westen bequemt sich dem neuen Zeitalter der Rhetorik mit englischem Phlegma an und der manchmal gequält klingenden Devise: "Wir haben immer noch einen Tag länger Zeit als die andere Seite."