Nach 15 Jahren: Die Offiziere vom 20. Juli sollen Vorbild sein

Von Marion Gräfin Dönhoff

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Heusinger, hat zum 15. Jahrestag der Erhebung gegen Hitler einen Aufruf erlassen, in dem es heißt:

"Die Tat des 20. Juli 1944 – eine Tat gegen das Unrecht und gegen die Unfreiheit – ist ein Lichtpunkt in der dunkelsten Zeit Deutschlands ... Wir Soldaten der Bundeswehr stehen in Ehrfurcht vor dem Opfer jener Männer, deren Gewissen durch ihr Wissen aufgerufen war. Sie sind die vornehmsten Zeugen gegen die Kollektivschuld des deutschen Volkes, ihr Geist und ihre Haltung sind uns Vorbild."

Es ist das erste Mal, daß die Führung der neuen Bundeswehr offiziell die Rebellen vom 20. Juli als Vorbild bezeichnet. Zum ersten Male auch wird an diesem Tage von Angehörigen der Bundeswehr unter Führung des Brigadegenerals von Hobé im Hof des ehemaligen OKW in der Bendlerstraße ein Kranz am Ehrenmal niedergelegt werden.

Viele werden sagen: "Was, erst heute? Erst nach fünfzehn Jahren?" Andere aber werden meinen: "Was soll diese Gefühlsduselei in der neuen Wehrmacht,es kommt jetzt doch nur darauf an, harte, disziplinierte, Durchhalte-Soldaten zu erziehen. Tatsächlich gibt es in unserem schnellebigen Deutschland mit dem kurzen Gedächtnis kein anderes Thema, das in ähnlicher Weise fünfzehn Jahre hindurch die Staatsbürger und vor allem die Militärs immer wieder in seinen Bann zu schlagen vermochte.

Kein Wunder, denn für sie, für die Soldaten, geht es in dieser Auseinandersetzung nicht um den – wie viele meinen – Luxus politischer Ansichten, sondern für sie geht es um die Grundprobleme ihres Lebens: um Gehorsam, Verantwortung und Gewissen. Übrigens empfinden nicht nur die Deutschen so, denen man gern eine uneingeschränkte Neigung zum Gehorchen nachsagt, sondern offenbar auch andere Nationen, wie man am vergangenen Sonnabend den Schilderungen Adelbert Weinsteins in der Frankfurter Allgemeinen entnehmen konnte. Weinstein berichtet dort über Gespräche, die er mit französischen Offizieren in Algerien geführt hat. Er schrieb: "Sie sind der Auffassung, die Tat der deutschen Offiziere könne nicht gebilligt werden, denn Deutschland habe sich damals im Krieg befunden, und im Krieg sei ein Attentat auf den obersten Befehlshaber ein Verbrechen."