1945: Die besiegten Heerführer sitzen auf der Anklagebank, die Nichtangeklagten versuchen sich als Gärtner und Nachtwächter durchzuschlagen.

1946–1950: Reeducation des ganzen Volkes; man lernt, daß die sogenannten soldatischen Tugenden in Wahrheit nur getarnte Unmoral waren.

1951: Beginn der Anti-Reeducation; man lernt, daß Widerstand gegen die Wiederbewaffnung verantwortungslos und unmoralisch sei.

Der Ruf: "Landesverräter", "Eidbrecher" schwoll also erst in diesen Jahren angesichts solcher Politik zu voller Lautstärke an. Mancher Offizier, der sich noch am 20. Juli 1944 mit Recht gefragt hatte, ob der Eid, den er geschworen hatte, auch dann noch bindet, wenn das Staatsoberhaupt sich als Führer einer Verbrecherbande entpuppt hatte, stimmte nun mit in den Ruf ein. Erst heute, fünfzehn Jahre danach, erscheint es der Führungsspitze der neuen Bundeswehr möglich, die Offiziere des 20. Juli nicht nur gegen die Vorwürfe: "Verräter und Eidbrecher" zu verteidigen, sondern sie am offiziell als Vorbilder herauszustellen. Das ist ein wichtiger Augenblick.

Wallensteins Eid

Denn während die Mehrheit des Volkes längst für Beck und Stauffenberg gegen Schörner und Dönitz entschieden hatte, ging unter den Soldaten der alte Konflikt, wem der Lorbeer zusteht, dem Widerstand oder denen, die durchgehalten hatten, in unverminderter Stärke weiter. Der Personalgutachterausschuß hatte zwar die Einstellung zum 20. Juli zu einer Grundsatzfrage für die höheren Offiziere gemacht, aber gerade dies hatte die alten Landsknechte wieder auf den Plan gerufen. Denn aus der Zeit der Landsknechte stammt ja wohl die Unbedingtheit des Eides, mit dem man bestrebt war, die Söldner an den Oberbefehlshaber zu binden, um sich vor politisierenden Obersten und Generalen à la Wallenstein zu schützen.

Heute gibt es ein "Handbuch innere Führung", herausgegeben vom Bundesverteidigungsministerium, das, wie es im Vorwort heißt, "dem Offizier und dem Offiziersanwärter bei den notwendigen Grundsatzüberlegungen helfen" will. Dort steht im Kapitel Eid auch ein Passus über dessen Grenzen. Grenzen, die übrigens nicht erst in der Hitler-Katastrophe entdeckt wurden, sondern die ein Jahrtausend und länger vom geltenden Recht gesetzt worden waren. Es gab also das Recht auf Widerstand gegen den Träger der Staatsgewalt – wenn dieser sich von den Rechtsgeboten löste.