Bergbau, Energie und Chemie sind die drei tragenden Säulen der bundeseigenen Bergwerksgesellschaft Hibernia AG, Herne, die mit einem knapp 9prozentigen Anteil an der Förderung des Ruhrbergbaus zu den größten Zechengesellschaften des westdeutschen Steinkohlenbergbaus überhaupt zählt. Die jetzt veröffentlichten Zahlen des Geschäftsjahres 1958 bestätigen den Eindruck, der sich schon bei anderen Zechenunternehmen – wenn auch nicht bei allen – ergab, daß nämlich eine Anpassung an die veränderten Verhältnisse auf dem Energiemarkt erst recht spät angestrebt wurde. Auf den 11 Schachtanlagen der Hibernia ist die Kohlenförderung im Krisenjahre 1958 gegenüber dem Vorjahr sogar noch leicht – auf 10,839 (10,835) Mill. t – erhöht worden. Dieser nicht absetzbare Leistungsanstieg hatte zur Folge, daß die Hibernia-Zechen im Berichtsjahre nahezu einen Monat lang gearbeitet haben, ohne ein Kilogramm Kohle zu verkaufen. Trotz einer Drosselung der Koksproduktion um 6 v. H. auf 3,06 (3,25) Mill. t lagen zum Bilanzstichtag 29 Tagesförderungen (Koks in Kohle umgerechnet) auf den Halden. Erst im laufenden Geschäftsjahr hat sich bei diesem Unternehmen die Überzeugung durchgesetzt, daß mit einer bloßen Aufhaidung von Kohle und Koks nicht der Anschluß an eine strukturell verringerte Nachfrage zu gewinnen ist. Die Anpassung der Förderung an die gesunkenen Marktchancen der festen Brennstoffe, um die sich jetzt die Hibernia-Verwaltung bemüht, sei gerade das Gegenteil von dem, was der Ruhrbergbau in seiner Gesamtheit noch vor einem halben Jahr für richtig gehalten habe, erklärte der Vorstandsvorsitzende der Hibernia, Dr. Hans Werner von Dewall vor der Presse.

Inzwischen stehen zwei Maßnahmen bei dieser Gesellschaft zur Diskussion, die über den Rahmen der sogenannten "negativen Rationalisierung" hinausgehen: die Stillegung der Zentralkokerei Scholven mit einer Tageskapazität von 3550 t Koks und die Stillegung der Zeche Wilhelmine Victoria, die im vergangenen Jahre 671 462 t Kohle bei einer Schichtleistung von 1409 kg gebracht hat. Der Hibernia-Durchschnitt lag im Berichtsjahre bei einer Schichtleistung von 1588 kg, also unter dem Niveau der Ruhr insgesamt. Bei den Stillegungsprojekten ist noch keine endgültige Entscheidung gefallen, aber die Meinung geht beim Vorstand dahin, daß es unvermeidlich sei, Anlagen, die auf längere Sicht keine Zukunft haben, aufzugeben. Entsprechende Entscheidungen fallen der Verwaltung indessen nicht leicht, weil z. T. noch bis in die jüngste Zeit hinein investiert worden ist.

Der weitere Anstieg der Schichtleistung im gesamten Hibernia-Bereich auf 1869 kg im Juni des laufenden Jahres, die damit erstmals über dem Ruhrdurchschnitt liegt, spricht dafür, daß auch hier der Verzicht auf schlechter abzubauende Kohle sich auswirkt Die Untertagebelegschaft ist bisher um 2750 Mann abgebaut worden.

1958 hat sich der Umsatz der Hibernia um 24 Mill. DM auf 762,3 (786,7) Mill. DM ermäßigt, wobei der Rückgang ausschließlich auf den stark verminderten Koksabsatz entfällt, der noch teilweise durch erhebliche Erlösaufbesserungen in den anderen Sparten des Unternehmens kompensiert werden konnte. Besonders gut kam der Zechengesellschaft ihr vergleichsweise starkes Engagement in der Stromerzeugung zugute. Die Kraftwerke brachten mit einer ‚Jahreserzeugung von 2,639 (2,475) Mrd. kWh nicht nur ein dickes Plus in der Umsatzzahl, sondern sie blieben im Berichtsjahre auch die einzige Sparte, die in der kalkulatorischen Rechnung keinen Verlust verbuchen mußte.

Insgesamt – so gab der Vorstand in der Pressekonferenz bekannt – habe sich die "kalkulatorische Kostenunterdeckung" aller Hibernia-Betriebe im vergangenen Jahre auf 62 (49) Mill. DM erhöht. Hierbei bleibt allerdings im Dunkel, welche Größen in diese kalkulatorische Rechnung eingehen. Ihre Aussagekraft ist daher auch fragwürdig. Demgegenüber wurde das erwirtschaftete Ergebnis des Berichtsjahres mit 20 (30) Mill. DM angegeben. Daß dieser Betrag sich auch mit dem ausgewiesenen Bilanzgewinn von 19,04 (21,43) Mill. DM deckt, ist "rein zufällig". Dieser wurde erreicht, indem – wie in den Vorjahren – die Jahresrate der Lasten Lastenausgleich-Vermögensabgabe mit 13,2 Mill. DM durch eine Teilauflösung der anderen Rücklage gedeckt wurde. Aber Her Vorstand legte vor allem Wert auf die Feststellung, daß die 6prozentige Dividende auf das bei der landeseigenen Veba liegende AK von 350 Mill. DM den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Berichtsjahres voll entspricht. Einen guten Ausgleich für die notleidende Betriebsrechnung beim Bergbau und in der chemischen Stufe des Unternehmens haben neben der Kraftwirtschaft die Beteiligungen gebracht. Von der 100 v. H.-Tochter, der Scholven-Chemie AG, deren Raffineriekapazität im Berichtsjahre auf 2 Mill. t Röhölcurchsatz erweitert worden ist, hat die Hibernia auf Grund des Ergebnisübernahmevertrages 5,5 Mill. DM vereinnahmt. Die Beteiligungserträge, darunter vor allem die Dividendenerhöhung der Chemische Werke Hüls AG, sind auf 9,3 (6,1) Mill. DM angestiegen. Nmn.