A. W. A., Berlin

Vom vollfetten filmfestlichen Trubel bin ich müde, Ich mag kein Neonlicht mehr sehen, das hektische Treiben des Kurfürstendamms habe ich zehn Tage lang tapfer genossen, die kalte, protzige Pracht der Betongiganten rund um den Zoo hat mein Bedürfnis nach Sensationen reichlich gestillt – jetzt sehne ich mich nach Ruhe.

Ich schlendere am hollywoodhellen Hilton-Hotel vorbei zum Tiergarten in Richtung Potsdamer Platz. Zur Rechten ragen die Ruinen des Reiches – eine Galerie von Gespenstern – über die Gärten: Diplomatenvillen im Stil jener zwölf Jahre, Botschaftsgebäude mit Fassaden aus Kunststein, für die Ewigkeit gegründet, aber schon jetzt halbverfallen. Abgeräumt sind die Reste der altfränkschen Bürgerhäuser des QKW rings um die frühere Bendlerstraße, die jetzt den Namen Staufenbergs trägt, der wenige hundert Meter weiter vor fast genau fünfzehn Jahren erschossen worden ist.

Da ruft mich ein Uniformierter an. Ohne es zu merken bin ich aus dem Tiergarten herausgeraten, habe die Friedrich-Ebert-Straße überschritten und gehe die Voßstraße entlang, genau über das Gelände von Hitlers versunkener Reichskanzlei hinweg. Zwischen frischgesätem Rasen führen Spazierwege bis zum angestrahlten Brandenburger Tor. In der Mitte des weiten Quadrats, wo die Trümmer des gesprengten "Führerbunkers" das Ende des Diktators für jedermann sichtbar machen, soll dem "Sieger" Thälmann ein Denkmal gesetzt werden. Das erzählt mir der Volkspolizist, der meinen Ausweis kritisch überprüft. Ich schlendere weiter, und er blickt mir verwundert nach. Er weiß sich keinen richtigen Vers auf den nächtlichen Spaziergänger zu machen.

Hinter der Friedrichstraße beginnt eine fremdartige, seltsam verzauberte Welt. Ich bin im alten Berlin. Hier, am östlichen Ende der "Linden" ist alles noch wie eh und je: die alte Universität, die Staatsbibliothek, das Zeughaus, der Dom halbverdeckt... Nur das Schloß, Blickpunkt und Ziel der historischen Prachtstraße einer gut und gerade gewachsenen Hauptstadt es fehlt. Eine gähnende Lücke klafft dort, wo es stand.

Die stillose hölzerne Kulisse sozialistischer Tribünen läßt sich ertragen wenn es dunkel ist und wenn man sie nicht genau sieht. Und während ich hinter dem wiedererstandenen Ehrenmal unter alten Bäumen auf das historische Palais Wilhelm von Humboldts zugehe, das von den schmiedeeisernen Kandelabern eines vergangenen, aber doch vertraut gebliebenen Jahrhunderts beleuchtet wird, dann ficht es mich gar nicht mehr an, daß in goldenen Lettern über den Portalen "Zentrales Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft" und "Maxim-Gorki-Theater" steht. Selbst als ich, nur wenige Schritte weiter, entdecke, daß ausgerechnet das Haus Kupfergraben Numero 7 – ein Zeugnis deutscher Baukunst aus dem achtzehnten Jahrhundert –‚ von den sich "Einheitspartei" nennenden Zwingherren deutscher Gegenwart okkupiert, ist – ich bleibe gelassen im Gefühl eines stillen Glücks, Ich bin auf der Reise in die Vergangenheit – eine Zeit, in der wir trotz mancher gut und gern gewonnenen Distanz noch immer wurzeln und die uns auf makabre Weise bewahrt worden ist.

Auf der anderen Seite der "Linien": Gewiß, das Kronprinzen- und das Kronprinzessinnen-Palais sind ausgebrannt, aber ihre Fassaden sind erhalten. Wenn die Pläne der östlichen Stadtplaner Wirklichkeit werden, dann wird dort eines Tages ein Opern-Cafe aufgemacht werden. Die Fassaden der Vergangenheit bleiben. Fassaden? Auch die Machthaber jenes Regimes, das über diesen Teil der Stadt gebietet, halten es zuweilen mit der Tradition. Sie haben die Staatsoper mit ihren Nebengebäuden und sogar die Hedwigskathedrale wiederaufbauen lassen.