Von Carl Georg Heise

Nie sollte man es vergessen, daß es auch im Bereich der großen alten Meister einen tiefgreifenden Wechsel der Bewertung gibt. Langsam, aber unerbittlich vollzieht er sich, dem Wandel des Zeitgeschmacks und dem mit ihm verbundenen neuen Lichte der Erkenntnis entsprechend. Die Jüngeren werden es kaum noch wissen, daß die Wiederentdeckung Mathias Grünewalds aus fast vollständiger Vergessenheit noch nicht fünfzig Jahre zurückliegt. Erst zur Zeit des Expressionismus hat sein später Nachruhm die höchste Steigerung erfahren. Damit trat ein völlig neuer Name neben das traditionelle Dreigestirn Dürer, Cranach, Holbein und veränderte entscheidend das Gesamtbild der deutschen Renaissancemalerei.

Im Jahre 1938 hat dann eine umfassende Ausstellung in München den Regensburger Albrecht Altdorfer dem Kreise der Großen höchst eindrucksvoll beigesellt. Wird Ähnliches jetzt für Baldung gelingen? Die Karlsruher Veranstalter sind überzeugt davon, daß er "an Gestaltungskraft, Leidenschaft der Empfindung und schöpferischer Phantasie keinem der großen Meister seiner Generation nachsteht und es ist kaum daran zu zweifeln, daß diese Meinung sich rasch durchsetzen wird in der gesamten internationalen Kunstwelt.

Nun ist Hans Baldung, der bedeutendste Schüler Albrecht Dürers, gewiß kein Vergessener im eigentlichen Sinne. Immer sind seine Werke ehrenvoll genannt worden, und Jacob Burckhardt hat die erstaunliche Bemerkung gemacht, sein Freiburger Hochaltar sei "das Höchste, was deutsche Malerei hervorgebracht hat". Dennoch stand er in der allgemeinen Vorstellung nur am Rande, und volkstümlich ist seine Kunst niemals gewesen.

Wenn wir ihn heute gleichsam mit neuen Augen sehen, so hat das seinen Grund vor allem darin, daß unser ästhetisches Interesse sich dem Suchenden und Ringenden, dem Beunruhigenden, ja gar dem Fragwürdigen stärker zuwendet als der klassischen Norm. Die Primitiven einerseits, die Künstler des Manierismus’ und des Frühbarocks andererseits haben für uns erhöhte Bedeutung gewonnen.

So können wir auch nicht mehr unterschreiben, was lange unangefochtene Geltung hatte: daß bei Baldung etwa seit 1530 "die Schöpferkraft erlahmt und die Formen erstarren". Gerade diese Spätzeit fesselt uns heute. Die durch Reformation und Humanismus nüchterner gewordene Geisteswelt ist das angemessene Klima für diese Kunst mit ihrem verhaltenen Pathos, mit ihrer kalten Leidenschaft. Die Gewaltsamkeiten der Bewegung und des Ausdrucks, die satte Farbigkeit, die früher Baidungs Malerei auszeichneten, weichen klarer Übersichtlichkeit und einer kühlen Gesamthaltung. Die religiösen Darstellungen verweltlichen: die Madonnen nähern sich antiken Göttinnen, ein lebensgroßes Gemälde mit Adam und Eva, flächenhaft und monumental, hat in erster Linie den sinnlichen Reiz einer Aktdarstellung.

Immer stärker treten mythologische Themen in den Vordergrund. Das letzte uns bekannte Gemälde des Künstlers – datiert 1544, ein Jahr vor seinem Tode – stellt die sieben Lebensalter in nackten weiblichen Figuren dar; in spannungsreichem Gegensatz stehen die Frische der Naturbeobachtung und die dekorativ-allegorische Absicht. Baldung ist der einzige deutsche Meister, der den großen Wandel vom späten Mittelalter zur Neuzeit in seiner Kunst wirklich ausgetragen hat, in dessen Werken, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiterwachsend, ohne inneren Bruch, das jeweils bewegend Neue der stürmischen Übergangszeit seinen beispielhaften Ausdruck gefunden hat.