London, im Juli

Die britischen Sozialisten sind eifrig bemüht, den Riß, der sie seit letzter Woche in der Frage der Atomrüstung spaltet, als Anzeichen begrüßenswerter demokratischer Gärung innerhalb der Labour Party hinzustellen. Keineswegs, so betonen die Labour-Leute, dürfe dieser Riß als Anzeichen dafür mißdeutet werden, daß die Partei im Stadium völliger Auflösung in den Wahlkampf gehe...

Was letzte Woche passiert war, ist dieses: Einer der mächtigsten englischen Gewerkschaftsführer, der bebrillte und gefühlsstarke frühere Lastwagenfahrer Frank Cousins von der Transportarbeiterunion, veranlaßte seine Gewerkschaft, die neue Atompolitik der Labour-Führung kurzerhand vom Tisch zu wischen. Es ist dies jene Politik, die Hugh Gaitskell und seine Getreuen erst in der Woche zuvor entworfen hatten und die in dem Vorschlag gipfelte, Großbritannien solle auf seine Bombe verzichten, wenn außer der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten alle anderen Länder einem "Klub der Atomfreien" beiträten.

An die Stelle dieses Programms setzte Cousins brüsk die Forderung, eine künftige Labour-Regierung müsse alle Wasserstoffbombentests einstellen, mit der Bombenproduktion aufhören, dem ganzen Gedanken der atomaren Abschreckung abschwören, die Verpflichtung eingehen, im Kriegsfalle die Bombe nicht zuerst einzusetzen und im übrigen sämtliche Raketenstützpunkte in England aufzulösen.

Wenn auch die Schlußresolution des Transportarbeiterkongresses nicht die Forderung zum Ausdruck brachte, die Labour Party solle auf atomare Verteidigungswaffen verzichten, so wurde doch sehr deutlich, daß Cousins selbst eben dies anstrebt. In einer leidenschaftlichen Ansprache an seine Kollegen ließ er jedenfalls erkennen, daß er für seine Person ein Unilateralist ist – ein Advokat der einseitigen englischen Atomabrüstung. Der Labour Party kann es nun keineswegs gleichgültig sein, wenn ein einzelner Gewerkschaftsführer gegen die Parteiführung aufbegehrt. Deswegen nicht, weil nämlich die englischen Gewerkschaften korporativ Mitglieder der Partei sind. Je größer die Mitgliederzahl einer Gewerkschaft, desto größer ist ihr Gewicht auf dem Parteitag. Die Transportarbeiterunion aber verfügt in diesem obersten Labour-Gremium über ebenso viele Stimmen wie alle lokalen Organisationen der Partei zusammen.

Nun haben freilich letzte Woche auch die Bergarbeiter und die Eisenbahner getagt, und sie haben sich für Gaitskell entschieden. Es besteht also keine Gefahr, daß der Parteiführer wegen seiner Haltung in der Atomfrage von seinem Posten verdrängt werden könnte. Und im übrigen hat Gaitskell am Wochenende unmißverständlich erklärt, daß er, selbst wenn sich der Parteitag im Herbst hinter Cousins stellen sollte, einen Anti-Atombeschluß keinesfalls als bindend für ein etwaiges künftiges Labour-Kabinett betrachten werde.

Cousins hat also mit seinem Vorstoß keinen. Erfolg gehabt: Englands Atompolitik wird sich nicht ändern. Er hat es lediglich fertiggebracht, die Labour Party in einem Augenblick zutiefst zu spalten, da sie sich einig und entschlossen für die bevorstehende Schlacht an den Wahlurnen wappnen müßte.

Denn wie oft auch die Parteiführung behaupten mag, daß die Meinungsverschiedenheiten der Sozialisten nur beweisen, wie wach die Labour-Leute gegenüber den großen Fragen der Zeit sind (im Gegensatz zu den Konservativen, die einträchtig hinter ihrem Führer dahinschlummerten) – viele Wähler werden sich doch sehr überlegen, ob es ratsam sei, eine Partei, die in einer so entscheidenden Frage uneins ist, in Amt und Würden zu wählen. Michael Davie