hst., Essen

Am 24. April 1959 wurde der zwanzigjährige Hermann Klingenberger aus Essen-Frintrop in seiner Firma an das Telephon gerufen. Es meldete sich das Finanzamt Essen-Nord: "Hier Lohnsteuerabteilung. Es tut mir außerordentlich leid, aber wir konnten Ihren Lohnsteuerermäßigungsantrag für 1958 nicht genehmigen. Sie müssen das verstehen. Steuerermäßigungen können wir nur beim Besuch einer berufsfördernden Schule geben, aber Sie besuchen doch eine allgemeinbildende ... das kommt doch nicht direkt Ihrem Beruf zugute... da ist ein Steuernachlaß nicht möglich, Sie verstehen doch ...

Hermann Klingenberger verstand nicht. Seit April 1958 besucht er die "Private Höhere Tages- und Abendschule Studienrat a. D. Friessem" in der Essener Henriettenstraße. "Wenn ich in zwei Jahren das Abitur nachgeholt habe, möchte ich gern studieren", sagt er,

Vorerst besucht er also montags bis samstags die private Höhere Abendschule. Lieber wäre ihm die Tagesschule, aber tagsüber muß er arbeiten. Er hat eine dreijährige Lehre als Industriekaufmann absolviert. Jetzt ist er in einem großen Essener Industriebetrieb beschäftigt. Laut Tarif verdient er als Industriekaufmann unter 21 Jahren 275 Mark. Er arbeitet von 7.30 Uhr bis 16.30 Uhr. Um 17 Uhr beginnt das Abendgymnasium. Es dauert bis 21 Uhr. Um 22.10 Uhr kommt er nach Hause. Dann macht er Schulaufgaben.

Für den Besuch des Abendgymnasiums muß er monatlich 50 Mark bezahlen. Für die freiwillige Lateinstunde am Samstag noch einmal 10 Mark im Monat extra. Das sind im Jahr 720 Mark – viel Geld für einen Angestellten unter 21 Jahren. Aber die Stadt Essen mit rund 730 000 Einwohnern hat weder ein städtisches noch ein staatliches Abendgymnasium, auf dem der Besuch – wie auf einer normalen Höheren Schule – kostenlos ist. Wenn man in Essen das Abitur auf dem zweiten Bildungswege Nachholen will, kann man nur zum Studienrat a. D. Friessem gehen,

Hermann Klingenberger wollte nun Steuerermäßigung für seinen Schulbesuch haben. Er holte sich einen Steuerermäßigungsantrag für 1958, "denn schließlich", so meint Klingenberger, "kommt doch meine Ausbildung eines Tages dem Staat zugute".

Er trug seine Ausgaben unter Werbungskosten ein. Das waren:

Hermann Klingenberger meint: "Wenn ich eine berufsfördernde Schule besuchte, hätte ich ein schönes Stück Geld zurückgezahlt bekommen. Aber ich besuche ja nur eine allgemeinbildende."