Was ist die Literatur? Ein Boxkampf, in dem Dichter A den Dichter B durch technischen K. o. erledigt. Was sind gute Bücher, die man nicht selbst geschrieben hat? – "Rote Tücher", mit denen "man den Stier zum Angriff reizt". Jetzt fragt sich nur noch, wer der Stier ist: Ernest Hemingway, durch eigenen Urteilsspruch schon in verhältnismäßig jungen Jahren (in diesen Tagen wird er 61) zum "grand old man" der Weltliteratur erhoben, in einem Alter also, in dem anderen Autoren (Fontane, Tolstoj, Mann) große Bücher noch vor sich hatten.

Dem alten Mann von Kuba, der einstmals Boxen lernte, weil er Angst hatte, sonst verprügelt zu werden, gefällt es seit Jahren, das Geschäft des Schreibens mit dem Schlagaustausch im Ring zu vergleichen. Als ihn jetzt der Korrespondent der französischen Zeitung ARTS besuchte, erklärte er: "Turgenjew und Maupassant habe ich durch technischen K. o. geschlagen. Mit meinem nächsten Roman hoffe ich, den großen Stendhal auf die Bretter zu schicken."

Ich möchte den richtigen Boxern, soweit sie sich mit ihrem Kollegen Hemingway beschäftigen, nun raten, die Bemerkung des Schwergewichtlers von Kuba nicht zu ernst zu nehmen. In der Literatur tun wir es ja auch nicht. Wir müßten sonst erklären, daß Maupassant in den imaginären Ring nicht gestiegen wäre, da er seinen amerikanischen Gegner für hoffnungslos sentimental gehalten, während Turgenjew ihm wohl kurzerhand epische Begabung abgesprochen hätte. Natürlich hätten sowohl Maupassant wie Turgenjew mit solchen Urteilen unrecht gehabt – was aber nur beweist, daß ein literarischer Schlagaustausch über Jahrhunderte etwas Mißliches hat.

Aber wie gesagt: Wo käme man hin, wenn man die Interviews berühmter Autoren ernst nähme? Künftigen Biographen sei es vorbehalten, aus der Fülle Hemingwayscher Pointen, Witzchen und Übertreibungen die Legende vom stets schlagfertigen Dichter vorzubereiten, der, kaum daß er den Mund öffnete, Bedeutendes ausstieß – während er doch manchmal gewiß nur die Interviewer auf den Arm nehmen wollte...

Nehme ich jedenfalls an..., da ich ihn verehre.

P. h.