Es gibt, das sei nicht übersehen, auch erfreuliche Gegenbeispiele. Welchen Rufes erfreute sich der berühmte Berliner, nach dem Kriege Münchener Internist Professor v. Bergmann als Chef, weit über die Grenzen seiner Klinik hinaus, weil er sich aus – eigener Verantwortung Schranken auferlegte, die ihm zu setzen niemand die Macht gehabt hätte! Er gestattete seinen Oberärzten etwa, in seiner Klinik Privatpatienten selbständig und auf eigene Rechnung zu behandeln; ein Recht, das an allen Kliniken grundsätzlich nur dem Chef selber zusteht, auch dann, wenn die Größe des Betriebes notgedrungen dazu führt, daß die ganze Arbeit von Mitarbeitern gemacht werden muß, und der Chef die Patienten kaum zu

Gesicht bekommt. Daran, daß nicht jeder Ordinarius ein Professor v. Bergmann ist, wurden seine Assistenten schmerzlich erinnert, als der Nachfolger diese gute Regelung alsbald nach seinem Amtsantritt außer Kraft setzte. – Einige solcher Beispiele waren notwendig, um zu zeigen, zu welchen Auswüchsen die Freiheit des einen auch im Universitätsbereich führen kann, wenn sie auf Kosten all der anderen und – das ist freilich das Wichtigste – der Wissenschaft selber geht.

Auch der "ideale" Chef als Lehrstuhlinhaber ist heute mit Kompetenzen ausgestattet, die ihn zum Allmächtigen "seiner" Klinik machen und denen wirklich gerecht zu werden kaum mehr menschenmöglich scheint. Keine wissenschaftliche Veröffentlichung kommt aus einer Klinik oder einem Institut, zu welcher der Vorstand nicht die ausdrückliche Genehmigung erteilt hat. Auch das ist noch Erbe einer Zeit, in welcher der Ordinarius sein ganzes Fach und daneben viele angrenzende Gebiete der Medium selber übersehen konnte. Der Sinn der Bestimmung war damals verständlich. Heute jedoch ist es an der Tagesordnung, daß der Chef fast nichts mehr von dem versteht, woran s?in eigener Oberarzt arbeitet. Dadurch wird die veraltete Bestimmung zum Unsinn. Und zum Hemmschuh, mit folgenreicher Wirkung: Noch immer werden die jeweilige Klinik und der Name ihres Leiters jeder wissenschaftlichen Arbeit vorangestellt, mit der Folge, daß der Chef teilhat an der Anerkennung, aber, auch der möglichen Blamage.

Was soll er aber machen, der Unglückliche, wenn er von irgendeinem Spezialthema nicht genug versteht? Kein Ordinarius, der einen Ruf zu verlieren hat, wird sich daher leichten Herzens und ohne langes Zögern entschließen, eine unter seinem Namen laufende Publikation freizugeben, die er selber nicht beurteilen kann und deren Schicksal ungewiß ist.

Verständlicherweise befinden sich unter diesen Spezialthemen vorzugsweise auch die seltenen "neuen Ideen"; grundsätzlich aber natürlich alles das, was der Forschungsrichtung des Ordinarius ferner steht. Da nun der Assistent seinerseits unter dem Druck des Publikationszwanges lebt – die Zahl der Veröffentlichungen spielt in der akademischen Laufbahn eine ähnlich entscheidende Rolle wie die Zahl der Skalpe in einem auf Ansehen bedachten Indianerstamm – ist es nur verständlich, wenn dieser sich sein Leben dadurch zu erleichtern sucht, daß er nicht die Themen wählt, die ihm durch seine eigenen Interessen nahegelegt werden, sondern solche, deren Zugehörigkeit zu dem Spezialgebiet seines Lehrers ihm dessen Interesse und Hilfsbereitschaft bei der Publikation sichern. Auf diese Weise entstehen dann die sogenannten "Schulen", wo alle im Grunde dasselbe schreiben.

Warum bezieht man in die so oft beredete akademische Freiheit der Mediziner eigentlich die Freiheit der Publikation nicht mit ein, wenn jemand eine gewisse "Anlernzeit" hinter sich gebracht hat, spätestens aber nach der Habilitation?

Der Ordinarius wäre von der unbilligen Zumutung befreit, sich mit Arbeiten identifizieren zu müssen, deren Inhalt sich erst noch bewähren muß (heute erscheinen solche Arbeiten, sehr zum Nachteil unserer Wissenschaft, einfach nicht), und er sähe sich nicht mehr gezwungen, Entscheidungen treffen zu müssen, für die er nicht kompetent sein kann.