Die "Knaben" benutzen sicherlich auch heute noch die längst wohlfeilen (und für die Verlage honorarfreien) Ausgaben der Voßschen Homer-Übersetzung für ihre Schulaufgaben. Nicht allen wird dabei der Unterschied im Ton deutlich werden – und schon gar nicht ist er den Lesern begreiflich, die nur die Übersetzung kennenlernen. Ihnen wird Homer erst recht etwas Uralt-Verstaubtes sein, und so wenig, wie sie "Luise" zu Ende lesen würden, so wenig werden sie durch die vielen Tausend Homer-Verse durchkommen.

Einen neuen Weg schlägt dagegen Wolf gang Schadewaldt mit seiner Odyssee-Übersetzung ein. Er verzichtet auf den Hexameter – obwohl dieser zum mindesten seit Goethe und Schiller Heimatrecht bei uns hat. Er verzichtet überhaupt auf jedes Metrum. Dabei beruft er sich auf "die Länder angelsächsischer und auch französischer Zunge", die längst ihren Homer in Prosa besitzen. Er verweist nicht zuletzt auf Goethe, der eine prosaische Homer-Übersetzung gefordert habe. Allerdings: Goethe wollte einen prosaischen Homer, damit dieser, des Rhythmus wie des Reimes entkleidet, "wodurch Poesie erst zur Poesie" werde, allein durch seine inhaltlichen Vorzüge wirken möge. Sein Vergleich sagt dies noch deutlicher: Luther habe durch die Bibelübersetzung die Religion "mehr gefördert, als wenn er die Eigentümlichkeiten des Originals im einzelnen hätte nachbilden wollen".

Goethe glaubte an den pädagogischen Wert der Homerischen Gesänge und hielt daher "zu Anfang jugendlicher Bildung prosaische Übersetzung gen für vorteilhafter als die poetischen". Die neue Übersetzung

Homer: "Die Odyssee"; übersetzt in deutsche Prosa von Wolfgang Schadewaldt; Rowohlts Klassiker, Band 29/30; Rowohlt Verlag, Hamburg; 3,30 DM

ist gewiß alles andere als eine "schlichte Prosa"! Sie entfernt sich von einfacher Sprache, ohne jedoch darum schon rhythmische Prosa zu sein. Schadewaldt bleibt im Satzbau möglichst nahe am Original. Das Ergebnis bezeichnet er als "eine Art Rhythmus der Vorstellungen". Ein Beispiel: "Kreta ist ein Land, mitten in dem weinfarbenen Meer, ein schönes und fettes, rings umflossen. Darauf sind Menschen viele, unend--liche, und neunzig Städte, und die Sprache der einen diese, der anderen jene, gemischt."

Für die, denen der philologische Streit um die "Einheit" Homers gegenwärtig ist, sei am Rande vermerkt, daß Schadewaldt für die Odyssee zwei Dichter, einen älteren und einen jüngeren, annimmt und seiner Übersetzung sogar ein "Verzeichnis der dem Dichter B angehörenden Partien der Odyssee" beigibt. Der ältere Dichter aber sei "vielleicht kein anderer als Homer, der (eine!) Ilias-Dichter".

In der Fischer-Bücherei hat uns Wolfgang Schadewaldt einen wichtigen Band beschert: Sophokles: "Oedipus, Antigone"; deutsch von Friedrich Hölderlin; herausgegeben und eingeleitet von Wolfgang Schadewaldt; Fischer-Bücherei (Band 162), Frankfurt am Main; 2,20 DM.