Auf dem Wasser, zu Lande, durch die Lüfte drängt und reist in der schönen Zeit des Jahres alles hinaus. Urahne, Großmutter, Mutter und Kind, darunter auch Väter und solche, die es werden wollen, packen schwitzend. den neuen, noch knirschenden schweinsledernen Koffer oder auch nur das leichte Segeltuchgepäck. Starke und schwache Arme, weiße und schon leicht angebräunte, männliche wie weibliche, sieht man Ballen und Taschen, Kästen und Netze verstauen, manchmal reist sogar der Kanarienvogel in silbernem Bauer mit, und zuletzt springt der Hund in den Wagen. Wer rastet, rostet: eine Völkerwanderung gen Süden, gen Westen, aber auch gen Norden, an die Strände, hat nunmehr begonnen.

Was geht da vor, welcher Instinkt in uns wacht plötzlich auf und drängt ins Weite, ins Freie, ins Schönere, Lichtere, Wärmere, Höhere oder Feuchtere? Ist es wirklich die nüchterne Erwägung, daß der Mensch einmal ausspannen muß, daß den Kindern Luftwechsel gut bekäme, daß das Auge am Grün, an den Zinnen der Alpen, am strömenden Blau des Meeres sich labe? Hunger des Großstädters nach Natur, Sehnsucht des Kleinstädters nach der Welt aus blitzenden Automobilen, flirrenden Lichtreklamen, spiegelndem Asphalt, köstlichen Schaufensterauslagen, Ferien, Urlaub, das ist natürlich in die Zeitökonomie des Jahresablaufs aus therapeutischer Vorsorge eingeplant. Der Mensch ist ja wirklich keine Maschine, und selbst die Maschine muß gelegentlich "überholt" werden.

Aber es scheint auch noch anderes im Spiele zu sein. Ein sehr alter, sehr berühmter Philosoph hat einmal in lakonischer Kürze bestimmt, woher alles Unglück der Menschheit käme, aus der einfachen Tatsache nämlich, daß der Mensch unfähig sei, in den vier Wänden seines Zimmers zu bleiben. Das klingt ein bißchen sauertöpfisch, einsiedlerhaft und lebensabgewandt, aber es ist schon was Wahres dran. Kaum sind wir im Zuge der Konjunktur in eine hübschere Wohnung gezogen, haben sie besser eingerichtet, konnten uns vielleicht sogar ein eigenes. Häuschen leisten, da bringen wir auch schon den Wagen zur Reisedurchsicht, beantragen das internationale Carnet de passage, tauschen Devisen ein und stellen fest, daß die Insel Sardinien eigentlich seit Jahrtausenden darauf wartet, von deutschen Touristen erschlossen zu werden.

Es muß ein Antrieb sein, der uns da in Bewegung setzt, ganz ähnlich dem, der die Vögel veranlaßt, regelmäßig ihren transkontinentalen Exkursionen nachzukommen – nur daß die Wildgänse und Schwalben aus sehr vitalem Interesse handeln, während unsere alljährliche Reiseunruhe ins blaue Ungefähr gerichtet ist und, abgesehen von der Erholung, die tatsächlich dabei herausspringen mag, durchaus nicht immer lebensnotwendigen Gewinn einbringt.

Für manchen von uns wäre es vielleicht viel gesünder, einmal müßig zwischen den vier Wänden seines Zimmers zu sitzen und zu sich selber zu kommen. Aber vielleicht reisen wir gerade deshalb in die Ferne, um diese, sagen wir: Seelenreise zu uns selbst nicht antreten zu müssen.

Die wirklich wesentlichen Erfahrungen unseres Lebens machen wir nicht in der Welt, sondern in uns – intensiv, nicht extensiv. Allein, wer hat schon gute Erfahrungen mit sich selber? Und so fahren wir lieber nach Santorin, auf die Insel Fanö oder zu den Balearen, reisen tausendmal lieber um den ganzen dicken Globus herum, als daß wir auch nur eine Stunde auf dem schwankenden Boden, in der nicht recht geheueren Beleuchtung unseres Innenlebens herumspazieren. "Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn." Wir sind weit mehr als 150 Jahre von solcher Reiselust nach innen entfernt.

Wer reist, der flieht. Er reißt vor sich selber aus und sucht in der Fremde immer aufs neue zu vergessen, wer er sei. Das hätten wir nun festgestellt. Schnell ins Bett aber jetzt, denn morgen früh haben wir noch so viel zu erledigen: die Versicherung gegen schlechtes Wetter vorausbezahlen, die derben Schuhe vom Besohlen holen, den Füllfederhalter tanken für die Ansichtspostkarten und das Gas abdrehen. Es hilft ja doch alles nichts: Das Es ist stärker als das Ich, der allgemeine Zug rafft uns hinfort, Sardinien muß erkundet werden.