Von Hans Walter Berg

New Delhi, im Juli

Es gibt wenige indische Politiker, die Nehru als Gegner wirklich ernst nimmt. Ebenso klein ist der Kreis der Freunde, auf deren Rat Nehru hört. Zu den profiliertesten Persönlichkeiten der ersten Gruppe gehören Jai Prakasch Narain und Minoo Masani. Der sozialistische Revolutionär Narain galt lange Zeit wegen seiner großen Popularität als der wahrscheinlichste Nachfolger Nehrus; obwohl er sich inzwischen aus der aktiven Parteipolitik zurückgezogen hat, um ein Apostel der freiwilligen Bodenreform zu werden, horcht auch heute noch das ganze Land auf, wenn er seine Stimme gegen Nehru erhebt.

Minoo Masani, indischer Botschafter a. D., ehemaliger Bürgermeister von Bombay, dann Public-Relation-Chef des großen indischen Tata-Konzerns ist heute unabhängiger Abgeordneter im indischen Zentralparlament, in das Narain sich nie hat wählen lassen. Wenn Minoo Masani im Parlament das Wort ergreift, weiß Nehru, daß jetzt die schärfste und intelligenteste Attacke beginnt, die er von irgendeinem Politiker der Oppositionsparteien gewärtigen muß.

Der in selbstgesponnene Baumwolltücher gehüllte Sozialist Narain und der meist mit westlicher Eleganz gekleidete Konservative Masani scheinen wenig miteinander gemein zu haben, und doch sind die beiden enge politische Freunde. Sie vereint die gleiche entschiedene antikommunistische Überzeugung.

Von den wenigen Männern, auf deren Rat Nehru gelegentlich hört, sind der indische Staatspräsident Dr. Prasad und der erste indische Generalgouverneur Rajagopalachari die bekanntesten. Beide stammen aus dem engsten Kreis der Kongreßführung um Gandhi und genießen – obschon sie zur gleichen Generation wie Nehru gehören – das Ansehen der "älteren Staatsmänner Dr. Prasad, ein tiefreligiöser Hindu, vertritt ebenso wie der südindische Brahmane Rajagopalachari mehr die bewahrenden als die revolutionären Kräfte im Lande, ohne daß die beiden etwa Gegner einer fortschrittlichen Entwicklung ihres Volkes wären.

Der Fortschritt jedoch, den Nehru zu erzwingen sucht, erfüllt alle vier Politiker, die der ersten Gruppe ebenso wie die der zweiten, mit zunehmender Sorge. Der Staatspräsident, der sein hohes Amt neben Nehru als Regierungschef mit der gleichen würdevollen Zurückhaltung ausübt, wie das Professor Heuss neben Dr. Adenauer getan hat, gab zum erstenmal diese Reserviertheit auf und schrieb einen warnenden, Brief an den indischen Ministerpräsidenten.