XIV. Wie leben die Franzosen unter General de Gaulle – Ein Pariser Tagebuch

Von Josef Müller-Marein

Das Gespräch, das Josef Müller-Marein in Paris mit einem hohen französischen Offizier über Entstehen und Zukunft des Regimes de Gaulle geführt hat („Die neue Angst: Was kommt danach?“, Zeit Nr. 29), setzen wir hier fort. Der Verfasser fragte:

Wäre keine so symbolhafte Gestalt wie de Gaulle vorhanden gewesen, auf den sich zunächst alle sehr schnell einigen konnten – die Bürger der politischen Mitte bis zu den Vertretern der äußersten Rechten, so daß sich gleichsam ein ganzer Fächer in dem Augenblick entfaltete, wo die Parteien der Linken in hoffnungslose Zersplitterung gerieten – hätte die Armee dann losgeschlagen?“

„Wie bitte? Sie meinen, ob die Armee irgendeinen General auf einen Schimmel mit einer Satteldecke aus Goldbrokat gesetzt und ihn unter dem Geschmetter der Trompeten ins Elysée geleitet hätte? Welch fürchterlicher Verdacht! Erstens besitzt die Armee keinen Befehlshaber, der über hinreichende Popularität verfügte, es sei denn eben de Gaulle, aber dieser General ist in den Augen vieler Kameraden schon in die Sphären der Politik entrückt und nicht mehr so recht ein lieber, wenn auch sehr hochgestellter Kamerad. Zweitens ist es heutzutage wahrscheinlich, daß die umstürzenden Revolutionen durch kämpferische, politische Organisationen und ihre Führer gemacht werden, zumindest in Europa.“

„Aber der Brief, den Ihr Stabschef, General Ely, am Vorabend des 13. Mai an de Gaulle richtete und in dem, wie Sie sagen, von der Unsicherheit, Verbitterung und Verlassenheit der Armee die Rede war?“

Die Soldaten waren es nicht