Je weiter deine Stimme reicht, desto schlechter wird man dich verstehen! Im Zeitalter des Fern-Sprechers will es uns manchmal so scheinen, als habe diese paradoxe Prophezeiung zu den Verwünschungen gehört, unter denen Adam aus dem Paradies vertrieben wurde.

Der kleine, meistens schwarze Sprech- und Hörapparat ist, metaphysisch betrachtet, eine Inkarnation der Relativität allen Fortschritts. In fünf Minuten besorgt uns das Fräulein vom Amt, wenn’s dringend ist, Neu Delhi und das Vorzimmer von Nehru – aber der Großstädter kennt seinen Nachbarn nicht, und viele Kinder halten den geschäftstüchtigen Vater für einen gelegentlich zu Besuch erscheinenden Onkel.

Das unfreiwillig getrennte Liebespaar flüstert zärtliche Dialoge in den seelenlosen Draht und erspart sich die später bei der Scheidungsklage so unbequemen Liebesbriefe. Parteien-Vertreter mancher Couleur legen arglistig einen Adapter ans Phon und „schneiden“ die offenherzig geäußerten Meinungen des „Teilnehmers“ mit.

Die private Sphäre hat ein Loch, einen Abfluß, eine immer weit offene Einbruchstelle: der Anschluß zur Welt im Zimmer ist zugleich die Neugier und Zudringlichkeit, die Indiskretion und Gleichmacherei der Welt auf dem Schreibtisch, am Bett, ja, wenn es sein muß, sogar im Bad.

Eines Morgens um acht Uhr, als ich meine Wohnung verlassen wollte, läutete es. Es meldete sich der weibliche Lehrling eines Ladengeschäftes der Stadt und fragte nach meiner Frau. Die junge Verkäuferin ließ die Kundin morgens um acht Uhr ans Telephon holen, um sie etwas zu fragen. Regierungsräte zitieren Universitätsprofessoren; Büropersonal zitiert Vorstandsmitglieder. „Ich verbinde mit Herrn X“ heißt es dann meistens. Aber wer will eigentlich wen sprechen? Ich finde, daß der Anrufende selbst am Telephon sein und nicht seine Vorzimmerdame Zwischenschalten sollte, um sich selbst das Warten auf den, von dem er ja etwas will, zu ersparen. Es ist eine Frage des Taktes.

„Ich werde nicht angerufen!“ hat der große Meister des lyrischen Monologs, Gottfried Benn, immer wieder barsch „Gesprächspartnern“ beschieden, deren dialogische Gegenwart er gar nicht gewünscht hatte. Als Arzt mußte er „am Apparat“ sein, aber als Dichter wollte er allein sein, allein mit seinen „hinterlassungsfähigen Gebilden – Stein, Vers, Flötenlied“.

Merkwürdig, die leise Stimme hinter dem Vorhang des allgemeinen und gleichen Geschwätzes, das distanzierte Selbstgespräch dringt auf die Dauer durch, bleibt und bewirkt den Gedanken. Alle Hochfrequenztechnik dagegen kann wunderbar die Schwingungen der Vox humana verstärken, über Kabel schicken und drahtlos verbreiten, aus Lautsprechern schauen lassen und in die Behausungen von Millionen tragen – nur die Kommunikation bewirken, das Verstehen fördern, den Sinn von Sprache erfüllen, das kann sie nicht. Ja, das hilft sie eher zerstören.

T.E.Rendsburg