Die zweite „documenta“ in Kassel ist bis zum 11. Oktober geöffnet

Von Carl Georg Heise

Ein Bild vor allem haftet im Gedächtnis, kein gemaltes, sondern ein erlebtes. Schwüle, schwarzblaue Sommernacht in den Ruinen der Orangerie. Im mittleren Oktogon tanzende Jugend, Kunstschüler zumeist, schattenhafte Gestalten, frei und farbig gekleidet, einfallsreich in ihren kunstvoll improvisierten Figurationen, turbulent und doch keineswegs undiszipliniert.

Durch den hohen Bogen zum Park leuchtet, matt angestrahlt, Henry Moores „Glenklin Cross“ in vergoldeter Bronze wie ein archaischer Totempfahl, denn hier hat die Plastikschau ihre faszinierende Aufstellung gefunden. Man hat „Ja“ gesagt zu den Trümmern, in deren ehrwürdigen Resten – erhalten, aber nicht „wiederhergestellt“ – man in grellem Kontrast niedrige, weiß gekalkte Wände eingezogen hat, vor denen die kühnen neuen Versuche der Bildhauer ihre fragmentarische Würde entfalten.

Mit bestürzender Wahrhaftigkeit hat man der Kunst der Gegenwart die ihr gemäße Umwelt gegeben, den bedrohlich ungesicherten Lebensbereich, in dem die junge Generation einzig existieren kann und will. Ohne verlogenen Optimismus, aber auch ohne dekadente Verzweiflung empfindet sie das Zeitbedingte als das Zeitgemäße, weil sie ihm selber zugehört, es so selbstverständlich bejahend wie ein Naturgesetz. Sie lebt mit dem, was ist und anders nicht sein kann. „Wie es auch sei, das Leben, es ist gut.“

Auf dem breiten Promenadenweg am Rand der großen Rasenfläche, die die bizarren Silhouetten weiterer Bildwerke – von Calder, Lardera, Uhlmann, Carmelo Cappella und anderen lebendig zur Wirkung bringt, ergeht sich ein internationales Publikum, seltsam gemischt aus Künstlern, Sammlern, Händlern, Kunstbeamten und Rezensenten, die das Gras Wachsen hören. Auch abseits Sitzende, auf dem Rasen gelagert oder auf der Mauerbrüstung in stillen Gruppen, vor allem aber die Auguren der sich bekämpfenden Cliquen, lebhaft diskutierend, die Könige des Weltmarktes, die Manager der neuesten künstlerischen Sensationen.

Viel überheblich selbstsicheres Geschwätz in einem Sprachgemisch wie beim Turmbau zu Babel. Neben schlichten Bohème-Gewändern die elegantesten Modelle aus Paris und New York. Hier also ist alles beieinander, was diesem Festival der bildenden Künste das Gepräge gibt, das Positive und das Bedenkliche. Man wird es wiederfinden an den Wänden der Ausstellungsräume. Alles hat einen doppelten Aspekt.