Die Aktionäre haben sich emanzipiert, sie brauchen nicht mehr am Händchen eines Bankdirektors in die Hauptversammlung zu kommen, um von diesem zu hören, was sie zu tun haben“, erklärte ein Kleinaktionär – in der diesmal ebenso lebhaften wie langanhaltenden Hauptversammlung der Rheinischen Stahlwerke, Essen. Er spielte damit auf die von ihm kritisierte „Ansammlung von 5 Bankdirektoren“ im Aufsichtsrat dieser Gesellschaft an, von denen er zwei freiwillige Rücktritte erbat, um „bei dieser großen Publikumsgesellschaft auch zwei (nicht nominierten) Aktionären das Mandat im Aufsichtsrat freizustellen.“ Ob dabei eigene Ambitionen im Spiele waren, läßt sich zunächst ebensowenig verneinen wie bestätigen. Gleichwohl, dieser Ausspruch ist bezeichnend für die Atmosphäre der diesjährigen Rheinstahl-HV. In der Schußlinie der Opposition stand auf diese Weise gar nicht einmal in erster Linie die Verwaltung. Sowohl in der Form der Opposition als auch in zahlreichen Äußerungen der Aktionäre zeigte sich die Kritik an der Handhabung des Depotstimmrechtes durch die Banken, die damit die eigentlich Angegriffenen in diesem Scharmützel zwischen der Verwaltung und der Aktionärsversammlung wurden.

Was von Bankenvertretern im Verlauf dieser. HV geboten wurde, war allerdings auch keineswegs zur Verteidigung des Depotstimmrechts geeignet. In einem Falle mußte der Beauftragte einer Großbank während der Abstimmung erstcoram publico von seinem gleichfalls anwesenden Depotkunden daran erinnert werden, daß er mit den Aktien dieses Kunden nicht im Sinne der Verwaltung stimmen sollte. Ein anderer Vertreter – von der gleichen Großbank übrigens – war zwar willens, seinem Auftrag gemäß, nämlich gegen die Entlastung des Vorstandes zu stimmen, jedoch fiel ihm dieses erst ein, als bereits der Aufsichtsrat zur Debatte stand, er also mithin seinen Auftrag nicht mehr ausführen konnte. Einem Aktionär – so war in der HV zu hören – war von seiner Bank schon vorher mitgeteilt worden, er möge seineStimme – so er nicht den Verwaltungsvorschlägen entsprechen wolle – dem „Amateurstimmkartensammler Nold“ (so nennt er sich selbst) übertragen, da „die Bank sich nicht lächerlich machen könne“.

Das alles sind nur Beispiele, aber bemerkenswert schlechte. Angesichts dieses Kundendienstes kann es nicht verwundern, wenn betriebsame Kleinaktionäre mit oder ohne Aktionärsverein in zunehmendem Maße die Stimmen anderer an sich ziehen können.

Die Rheinstahl-HV geriet dadurch zeitweise auf ein bedenkliches Niveau. Das ist schade, zumal diese Verwaltung sich in der Tat auf vielen Gebieten um eine weitreichende Publizität bemüht. Lediglich die Bekanntgabe der Organerträge wurde, wie bei dieser Gesellschaft üblich, abgelehnt. „Nur die dümmsten Kälber suchen ihre Metzger selber“, lautet hierzu der Kommentar des Vorstandes. Kritik wurde vor allem geäußert an der 11prozentigen Dividende. Hier enthielt sich die Opposition mit 2,9 Mill. DM der Stimme (von 277 Mill. DM stimmberechtigtem Kapital). In seinen einleitenden Ausführungen hatte sich der Vorstandsvorsitzende Dipl. Kf. Werner Söhngen sehr bemüht, Verständnis für die Beibehaltung des vorjährigen Satzes zu erlangen. Er betonte, daß der Dividendensatz von 11 v. H. z. Zt. immer noch die Spitzendividende der westdeutschen Montanindustrie darstellt.

Söhngen meinte’ auch, daß die Erwartungen auf eine höhere Dividende, die durch Börsengerüchte entstanden seien, zu keinem Zeitpunkt von der Verwaltung unterstützt worden sind. Für eine Aufstockung der Dividende aus Rücklagen – wie in der HV vorgeschlagen wurde – sieht die Verwaltung keinen Anlaß. Sie fand darin die volle Unterstützung der Schutzvereinigung, deren Vertreter ein solches Vorgehen nur für angebracht hielt, wenn eine Gesellschaft mit ihrem Dividendensatz hinter vergleichbaren Unternehmen herhinkte. Söhngen wies nochmals darauf hin, daß die Bewertung nach vorsichtigen kaufmännischen Prinzipien vorgenommen worden ist, wobei er daran erinnerte, daß diese Bewertungsabschlage, wenn sie sich als nicht notwendig erweisen sollten, zu einem späteren Zeitpunkt eine entsprechende Verbesserung des Ertrages ergeben.

Zu der von Friedrich Flick angeregten Tauschaktion Dynamit Nobel gegen Gußstahl Witten und Stahlwerke Südwestfalen waren in der HV noch keine neueren Einzelheiten zu hören. Der Vorstand wurde wiederholt aufgefordert, sich die Trennung von der Dynamitbeteiligung genau zu überlegen: „Passen Sie gut auf, der alte Flick macht keine schlechten Geschäfte.“ Ingrid Neumann