Hanns-Dietrich Ahrens: „Tuchfühlung mit dem Feind“, ZEIT Nr. 24

Aus Washington meldete UPI am 6. Juli 1959: „Ein Beschluß des amerikanischen Kongresses über das endgültige Schicksal. des beschlagnahmten deutschen Vermögens ist nach Ansicht von Washingtoner Beobachtern in diesem Jahr nicht mehr zu erwarten.“

Somit ist also die Reise Erhards nach Amerika und sein Hinweis, daß der Durchführung von Amerika gewünschter deutscher Investitionen die Freigabe des beschlagnahmten Privatvermögens vorausgehen müsse, trotz Einschaltung Dillons und Nixons ohne Erfolg gewesen. Das kann aber nur den überraschen, der den eigentlichen Beweggrund für die Verschleppungstaktik der Amerikaner nicht durchschaut. Sie wären nämlich schlechte Geschäftsleute, wenn sie vor der demnächst fälligen Dollarabwertung das „Feindvermögen“ freigeben würden. Unsere „Verbündeten“ wissen nur zu gut, daß sie infolge ihrer planmäßigen Verzögerung der Freigabe sowieso bei 30 000 deutschen und japanischen Bürgern schon längst nichts mehr an Wertschätzung zu verlieren, haben. Dafür bietet sich ihnen aber bei gleichzeitiger Wahrung ihres Dekorums bei allen nicht betroffenen Völkern eine einmalige Gewinnchance, wenn sie ihre deutschen und japanischen „Bundesgenossen“ mit abgewerteten Dollars entschädigen können.

Niemand würde sich eine so günstige Gelegenheit entgehen lassen, und wir Deutschen sind bestimmt die Letzten, die den Amerikanern dieses kleine Kavaliersdelikt verübeln werden. Haben wir doch ihrer selbstlosen Hilfe am Ende des vorigen Krieges unsere schnelle wirtschaftliche Erholung zu verdanken. Um sich beizeiten Rückendeckung zu verschaffen, haben die Amerikaner mit anderen „Feindmächten“ schon bald nach Kriegsende einen Vertrag geschlossen, der diesen vor der Regelung in USA die Freigabe verbietet. Daß diese Länder das noch heute, 14 Jahre nach Beendigung des Krieges, von Amerika aufrechterhaltene Verbot mit ihrer Souveränität vereinbaren können, findet seine Erklärung in einem Mangel, an Selbstachtung und einer veralteten Überschätzung der Machtmittel Amerikas.

Das von Südafrika der Otavi-Minen- und Eisenbahngesellschaft zur Verfügung gestellte zinslose Darlehen ist ein untrügliches Zeichen dafür, daß dieses Land den von Amerika ausgeübten Zwang als unerträgliche Einmischung empfindet und sich ihr zu entziehen sucht. Die berechtigte Entrüstung in Deutschland, als im vorigen Jahr die Deutsche Bank einer anglo-amerikanischen Bergwerksgesellschaft in Südafrika eine Anleihe von 50 Millionen DM vermittelte, ist der beste Beweis dafür, daß diese Bevormundung anderer „Feindmächte“ durch Amerika das größte Hindernis auf dem Wege zur völligen Normalisierung der amerikanisch-deutschen Beziehungen ist.

Dr. Karl Wilhelms, Eschweiler