Frage an Nikita Chruschtschow: „Fühlen Sie sich erschöpft?“

Antwort: „Nur ein Idiot könnte, sich krank fühlen, wenn der Wirtschaftsplan in den ersten sechs Monaten mit 105 Prozent übererfüllt wird. Sogar ein Toter müßte da aufstehen.“

G. S., Warschau, im Juli

Als Nikita Chruschtschow mitten während seines Staatsbesuches in Polen abrupt seine für August angesetzte Skandinavienreise absagte, schlug diese Meldung auch in Warschau wie eine Bombe ein. Die Überraschung war um so größer, als man dort die Stettiner Rede des sowjetischen Ministerpräsidenten noch einmütig als einen Versuch gewertet hatte, die politischen Ziele seiner Reise nach Dänemark, Norwegen und Schweden zu umreißen. Die wichtigsten Teile dieser Rede bezogen sich auf den Plan, Skandinavien in eine atomwaffenfreie Zone zu verwandeln – in eine Zone, die Bestandteil eines großen Gürtels sein sollte, der quer durch Europa bis hinunter zum Balkan läuft.

Westliche Kreise in Warschau halten es durchaus für möglich, daß an der offiziellen Begründung etwas Wahres ist: daß die Absage nämlich auf den Widerstand der öffentlichen Meinung in den skandinavischen Ländern zurückzuführen sei. Auf der anderen Seite aber kann dieser Widerstand Chruschtschow kaum überrascht haben. Schließlich war es vor seiner Reise nach England im April 1956 nicht anders. Dennoch vertraute er damals auf seinen bäurischen Charme – und hatte Erfolg. Weshalb also jetzt die plötzliche Absage?

In Polen hört man in diesen Tagen immer wieder die Vermutung, der sowjetische Ministerpräsidentpräsident habe seine Reisepläne mit Rücksicht auf seinen angegriffenen Gesundheitszustand aufgegeben. Die plötzliche Entscheidung hat jenen ein weiters Argument geliefert, die seit Chruschtschows Eintreffen in Polen bemerkt zu haben glaubten, es gehe dem sowjetischen Premier nicht besonders gut. Viele, die ihn in den letzten vier Jahren aus der Nähe beobachtet haben, behaupten jedenfalls, sein Tempo habe doch sehr nachgelassen.

In der Tat ist es aufgefallen, daß Chruschtschow bei seiner Ankunft in Kattowitz einen äußerst erschöpften Eindruck machte. Als er auf dem Bahnhof zu seiner Begrüßungsansprache ansetzen wollte, stammelte er einige Minuten lang zusammenhanglose Sätze ins Mikrophon. Diese Beobachtung aber war umso überraschender, als sich Chruschtschow während seines ganzen Polenbesuches dem Alkohol ferngehalten hat. Schon beim Empfang in Warschau nippte er nur vorsichtig an einem Glas Weißwein.