In diesen Tagen sind die Daimler-Aktien auf einen Kurs von 1900 v. H. gestiegen. Sie stehen damit an der Spitze der deutschen Aktiengesellschaften. Diese Kursentwicklung ist nur von wenigen Börsianern vorausgesehen worden, und selbst die Mitglieder des Vorstandes der Daimler-Benz AG, Stuttgart-Untertürkheim, sind von dieser Kursbewegung überrascht. Sie ist nicht allein auf die Mehrheitskäufe der Großaktionäre zurückzuführen, wenn auch sie den Anstoß für die Hausse in diesem Papier gegeben haben. Man kann heute Leute an der Börse finden, die den Daimler-Kurs immer noch für zu niedrig halten, weil sie nämlich der Ansicht sind, daß die Ertragskraft des Unternehmens und vor allem die seit Jahren angesammelte Substanz eine höhere Bewertung rechtfertigen. Ihre Käufe sorgen dafür, daß der Kurs noch weiter steigt.

Was ist bei der Daimler-Benz AG in den letzten Jahren vor sich gegangen? Grandsätzlich ist zu sagen, meine verehrten Leser, daß das Unternehmen gut im Markt lag und das Glück hatte, über eine ausgezeichnete Verwaltung zu verfügen. Es hat seit der Währungsreform bis einschließlich 1958 für 693 Mill. DM investiert; weitgehend aus eigener Kraft. Während dieser Zeit wurde das Aktienkapital von 72,155 Mill. DM nicht erhöht. Auf einer sehr schmalen Eigenkapitalbasis ist also, wie Dr. Könecke (Vorstandsvorsitzender) sich ausdrückt, ein wahrer Turmbau aufgeführt worden, der sich weit von einer normalen Bilanzierungsweise entfernt. Die (immer erheblichen) Jahresgewinne wurden nur zu einem kleinen Teil ausgeschüttet, während der Löwenanteil dem Unternehmen für seine Investitionstätigkeit belassen wurde.

Diese Art der Geschäftspolitik dürfte in erster Linie auf die Wünsche der Großaktionäre zurückzuführen sein. Großaktionäre sind Flick (nach „Wer gehört zu wem?“ – einer Commerzbank-Broschüre – mit 37,9 v. H. und Quandt mit 12,3 v. H.). Namentlich Flick hat seinen Anteil in der Vergangenheit ständig vergrößert, und vermutlich hatte er kein Interesse daran, der Gesellschaft über eine Kapitalerhöhung neue Mittel zuzuführen, die ihm in seiner Machtposition keinen Gewinn gebracht hätten. So kam es, daß bei Daimler im Verhältnis zu der Ertragskraft der Gesellschaft nur relativ niedrige Dividenden gezahlt wurden (1952: 6 v. H.; 1953: 8 v. H.; 1954: 9 v.H.; 1955: 10 v.H.; 1956: 11 v.H.; 1957: 12 v. H.). Dadurch ergab sich für die Daimler-Aktien eine verhältnismäßig geringe Rendite, was manche Kleinaktionäre veranlaßte, sich bei steigenden Kursen von dem Papier zu trennen. Gerade dieser Umstand war es dann auch, der im vergangenen Jahre die Deutsche Schutzvereinigung auf den Plan rief, die auf der Hauptversammlung gegen diese Art der Gewinnverteilung heftig protestierte. Offenbar mit Erfolg! Denn für 1958 wird eine Dividende von 15 v.H. und ein Bonus von 3 v. H. vorgeschlagen, der die Körperschaftsteuerersparnis zum Ausdruck bringen soll.

Nun sind die rund 13 Mill. DM, die für die Dividendenzahlung gebraucht werden, natürlich nur ein Teil des in der Bilanz sichtbaren Gewinnes. Den Rücklagen wurden weitere (voll versteuerte) 22 Mill. DM zugeführt. Wenn man dann noch bedenkt, daß 12,1 Mill. (versteuert) der Rücklage für die Lastenausgleichs-Vermögensabgabe zugeführt wurden, daß (unversteuert) die Daimler-Benz-Unterstützungskasse GmbH 24 Mill. erhielt und in den Wertberichtigungen zum Umlaufsvermögen noch einige Reserven stecken dürften, dann kann man davon ausgehen, daß im Jahre 1958 ein Gewinn in Höhe des Aktienkapitals erwirtschaftet worden ist. Selbstverständlich kann man darüber streiten, ob Zuweisungen an Unterstützungskassen und Rücklagen für Lastenausgleichsabgaben einfach als Gewinn angesehen werden dürfen; für die Beurteilung der Ertragskraft des Unternehmens spielen diese Meinungsverschiedenheiten dagegen keine Rolle.

Interessant ist bei Daimler, meine verehrten Leser, die Frage der Gratisaktien. Die gesamten Rücklagen betragen etwa 108 Mill. DM, davon stehen nach Ansicht der Verwaltung jedoch „höchstens 58 “Mill. für die Umwandlung in Aktienkapital zur Verfügung. Man möchte sich allerdings nicht aller Rücklagen entblößen, machte aber auf einer Pressekonferenz den Hinweis, daß in den Wertberichtigungen zum Umlaufsvermögen (40,9 Mill.) noch einige Reserven vorhanden sind. Dennoch wiederholte Dr. Könecke seine schon im Vorjahr aufgestellte These; Schätzungsweise wird Daimler Gratisaktien im Verhältnis 2:1 ausgeben können. Diese Relation bleibt weit hinter den Erwartungen der Börse zurück. Nun ist es falsch, die Daimler-Aktie nur auf Grund der jetzt vorgelegten Bilanz beurteilen zu wollen. Ebenso wichtig sind die Zukunftsaussichten, die auch in diesem Falle überaus hoffnungsvoll beurteilt werden können. Die wachsenden Auftragsbestände (hauptsächlich auf dem Exportsektor) zwingen zu Kapazitätserweiterungen. Zunächst ist geplant, die Kapazität um 15 bis 20 v. H. auszudehnen. Dafür sind etwa 150 Mill. DM erforderlich. Das ist der gleiche Betrag, der auch im Vorjahr für Anlagezwecke ausgegeben wurde. Zur Finanzierung der neuen Investitionen hat man sich ein Schuldscheindarlehen von 50 Mill. gesichert. Im Vorstand ist aber bereits ein weitaus größeres Investitionsvorhaben diskutiert worden. Es wird sich aber nicht in den bisherigen Werken realisieren lassen – wenn man den Entschluß zu seiner Verwirklichung fassen sollte, was zur Zeit noch völlig offen ist. Vor allem zwingt der Mangel an Arbeitskräften dazu, ein neues Werk dort zu errichten, wo noch Facharbeiter in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Dieser Plan sollte die BMW-Aktionäre aufhorchen lassen! In Münchener Bankkreisen macht man sich allerdings kaum Illusionen. Ein ernsthafter Interessent für die BMW-Majorität wird sich vermutlich erst dann finden lassen, wenn BMW saniert ist.

Mit der 88prozentigen Beteiligung am Stammkapital der Auto-Union GmbH ist Daimler überaus zufrieden. Günstig steht es auch – allerdings mit Unterbrechungen – mit den Beteiligungen in Argentinien und Brasilien. In Australien steigt der Absatz ständig, ebenso in Indien. „Wegen des hohen Risikos der Auslandsbeteiligungen“ sind sie voll abgeschrieben. Wieder einmal ein Musterbeispiel dafür, daß man „sehr vorsichtig bilanziert“, also stille Reserven hat.

Sieht man sich die Bilanz an und betrachtet die Zukunftsaussichten, dann kommt man zu dem Schluß, meine verehrten Leser, daß wir es bei der Daimler-Aktie um ein Papier mit einem doppelten Goldrand zu tun haben. Man darf, es nur nicht mit den herkömmlichen Maßstäben der Rendite messen wollen. Nehmen wir einmal, an, Sie kaufen heute eine Daimler-Aktie von nom. 1000.– DM zum Kurs von 1900 v.H. und die Dividende bleibt im nächsten Jahr bei 18 v.H. stehen, dann erhalten Sie (ohne Berücksichtigung der Kapitalertragsteuer) einen Betrag von 180 DM ausgeschüttet. Wird der heutige Kurs von 1900 v. H. aber Berechnungsgrundlage für die Vermögensteuer, dann zahlen Sie – sofern Sie vermögensteuerpflichtig sind – darauf 190 DM (nämlich 1 v. H.). Sie setzen folglich zu – wenn der Kurs nicht weiter steigt...