Von Paul Hühnerfeld

Autoren, die zu sehr gelobt werden, geraten oft in eine peinliche Situation. Sie stehen so sichtbar auf einem Podest, daß kritische Pfeile an ihnen gar nicht vorbeifliegen können. Vielleicht wollten sie gar nicht auf ein solches Podest – allein voreilige Kritiker, wohlmeinende Freunde und vielleicht auch eine geschickte Verlagswerbung haben sie dort hingestellt – und nun müssen sie leiden.

Ein wenig trifft dies auch auf den Berliner Schriftsteller Jens Rehn zu; einen Mann, der vor Jahren für sein erstes Buch „Nichts in Sicht“, in dem die Ausnahmesituation zweier hilflos auf dem Atlantik in einem Schlauchboot treibender Menschen geschildert wird, gleich einen Preis bekam. Dabei konnte man jenes erste Buch noch nicht einmal als Talentprobe gelten lassen, es stand zu sehr unter dem Einfluß harter moderner Prosa, als daß man eigene Begabung darin erkannt hätte. Rehn hat danach ein zweites Buch „Feuer im Schnee“ und nun ein drittes geschrieben:

Jens Rehn: „Die Kinder des Saturn“; Hermann Luchterhand Verlag, Berlin; 152 S., 12,50 DM.

Nach diesem Buch spürt man deutlich, daß Rehns großes Thema der nackte Mensch ist (Hans Egon Holthusen hat dafür vor Jahren das feinsinnige Wort „unbehaust“ gefunden). Das will sagen: Rehn schildert den Menschen in der Nullpunktsituation, in jenem Augenblick, da Anfang und Ende zusammenfallen. So war es auf dem Schlauchboot im Atlantik, so ist es jetzt, als drei Personen, ein junges Ehepaar und ein Arzt, als einzige im weiten Umkreis den Abwurf einer nuklearen Bombe überleben. Drei Menschen, die allerdings den Nachteil haben, keine ganz normalen Menschen zu sein, und die deswegen nicht stellvertretend für die Millionen stehen, die gewiß an diesem fürchterlichen imaginären Punkt X gestorben sind.

Die junge Frau kommt von einer nördlichen Insel, wo sie, ohne Eltern, nur von einem bärbeißigen, gutmütigen Seemann erzogen wurde. Sie ist ein Ausbund an naiver Natürlichkeit, eine Eva ohne Schlange. Ihr Ehemann ist ein farbloser, schön gebauter Mensch, der nichts anderes will, als mit dieser Frau glücklich sein. Die „Naturkatastrophe“, die sie beim abendlichen Plausch mit ihrem Nachbarn, einem Arzt, überrascht, nehmen sie kaum wahr. Sie wissen hinterher nur, daß dieser Arzt und Sonderling, der sich schon zu Friedenszeiten einen unterirdischen Bunker hat einrichten lassen, sie beim ersten Aufblitzen des mörderischen Scheines in den Stolleneingang drängte, mit ihnen hinunterhastete und so mit ihnen überlebte.

Diesen Arzt als Sonderling anzusprechen, wird der Autor gewiß nicht übelnehmen: Schon von Jugend an wird er als „in sich gekehrt“ geschildert, seine erste Ehe mißlingt, seine zweite, die sich glücklich anläßt, endet mit einer Katastrophe. Frau und Kind ertrinken bei einer Segelpartie. Was den Mann dennoch bewogen hat, einen Bunker zu bauen, um zu überleben, wird psychologisch nicht gedeutet – doch geht es Rehn ja auch nicht um die Psychologie.