Wenn man die französische Filmindustrie nach der Qualität ihrer Spitzenprodukte und den Lorbeeren, die sie auf den Filmfestivals erntet, beurteilt, geht es ihr offensichtlich nicht schlecht. Seit ungefähr 10 Jahren gehören fast alljährlich ein oder zwei französische Filme zu den besten der Welt Produktion. Wie die meisten europäischen Filmindustrien, leidet jedoch auch die französische unter einer zu geringen Verbreitung ihrer Filme.

Die französische Filmproduktion des Jahres 1958 (über 140 Filme) wurde zu 67 v. H. der Aufwendungen mit geliehenem Geld finanziert. Da Banken und sonstige ordentliche Kreditinstitute infolge des großen Risikos nicht gern in das Filmgeschäft einsteigen, sind die Produzenten ständig auf der Suche nach Geldgebern.

Überdies gibt es zu viele Filmproduzenten. In Frankreich sind offiziell 463 Hersteller eingeschrieben, von denen indessen im Jahre 1958 nur 170 „aktiv“ waren und 114 nur einen einzigen Film drehten. Die meisten dieser Produktionsfirmen verfügen nur über ein völlig ungenügendes Kapital, das (von wenigen Ausnahmen abgesehen) kaum zur Herstellung eines einzigen Filmes, geschweige denn zur Aufstellung eines langfristigen Produktionsprogrammes reicht. Außerdem ist die Zahl der Filmbesucher in Frankreich relativ gering: im Jahre 1958 waren es 370 Millionen gegenüber 400 Millionen im Vorjahr. 5700 Filmtheater gibt es in der französischen Metropole und nicht weniger als 173 Verleihunternehmen. Von den Gesamteinnahmen entfällt nur etwa die Hälfte auf Vorführungen französischer Filme. Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen ist die französische Filmindustrie recht ungesund.

Der Staat hat hier in den letzten zehn Jahren durch ein Subventionssystem helfend eingegriffen. Dieses Subventionssystem war – wie so vieles andere in Frankreich – nur als vorläufige Lösung gedacht und soll Ende 1959 ablaufen. Entgegen der Erfahrung, daß sich das Vorläufige meist länger hält als das Endgültige, hat sich Finanzminister Pinay entschlossen, das Subventionssystem nun tatsächlich schrittweise abzubauen.

Er will gesunde marktwirtschaftliche Verhältnisse auch in der Filmindustrie einführen und ist außerdem gezwungen, den EWG-Vertrag zu beachten, wonach Staatshilfen für einzelne Industriezweige abgebaut werden müssen.

Vor kurzem ist ein Dekret veröffentlicht worden, demzufolge die Filmsubventionen in den nächsten acht Jahren nach und nach verringert und ab Jahresmitte 1968 ganz eingestellt werden sollen. Die Filmproduzenten können dann staatliche Kredite in Anspruch nehmen, aber sie müssen dafür durch das kaudinische Joch der Prüfung ihrer Kreditwürdigkeit und ihres Filmplanes durch eine staatliche Kommission gehen.

Die Filmproduzenten sind daher sehr unzufrieden mit der künftigen Regelung, aber sie wollen zunächst die Durchführungsbestimmungen zu dem neuen Gesetz abwarten und hoffen auf das Verständnis des Finanzministers für ihre schwierige finanzielle Lage. Pinay hat jedoch klar zu verstehen gegeben, daß man in der Filmindustrie lernen muß, schärfer zu kalkulieren, wie dies in jedem anderen Industriezweig üblich ist, insbesondere wenn man gezwungen ist, zum großen Teil mit fremden Geldern umzugehen. Die Gehälter für die Filmstars und die sonstigen Unkosten seien zu hoch, sie müßten und könnten abgebaut werden. Im übrigen kann der Finanzminister darauf hinweisen, daß zahlreiche der besten französischen Filme mit verhältnismäßig geringen, ja manchmal lächerlich geringen Mitteln hergestellt wurden. Die neuesten Beispiele hierfür sind der in Cannes prämiierte Film von Marcel Camus „Orfeu Negro“ und der Truffaut-Film „Les 400 coups“, die zusammen kaum die Hälfte eines Films mit einem Star als Lockmittel kosteten. J. K.