Der Schilderwald – Seite 1

In vielen Bädern und Erholungsorten steht am Eingang ein Schild "Herzlich willkommen". Das "Nordseeheilbad" und "Niedersächsische Staatsbad" Norderney pflegt eine eigene Note! Ein Schild steht auch am Hafen und es steht gerade dort, wo mein Fuß zum ersten Male die Insel betritt:

Vorsicht! Kaibetrieb! Das Betreten der Kaistraße geschieht auf eigene Gefahr. Wasser- und Schifffahrtsamt Norden.

Was soll ich tun? Kein Hubschrauber ist in Sicht, um mich über die gefährliche Kaistraße hinwegzuheben zum "Empfangsgebäude" auf der anderen Seite der Straße, wo Omnibus neben Omnibus, Taxe neben VW-Bus, Lkw neben Kabinenroller der Polizei steht. Doch als Fußgänger in der Großstadt bin ich ja das Überqueren gefährlicher Straßen gewöhnt und nehme mir vor, der Kurverwaltung recht dankbar zu sein, daß sie mich daran erinnert, daß auf dieser Insel Verkehrsgefahren lauern.

Um die "Hafenstraße" mit dem starken Verkehr zu meiden, versuche ich in den kleinen Straßen der nächstliegenden Häusergruppe unterzutauchen. Doch hier sperrt ein Schild meinen Weg:

Kein öffentlicher Weg: Durchgangsverkehr verboten. Bundesvermögensstelle Emden.

Was soll ich nun tun? Zweihundert Meter vor mir auf einer großen freien Fläche sehe ich Kinder spielen, Erwachsene gehen und – ein weiteres Schild.

Betreten des Grundstückes ist verboten. Bundesvermögensstelle Emden.

Der Schilderwald – Seite 2

Also zurück zum Empfangsgebäude. Doch hier zweigt ja ein Weg zu meiner Rechten gleich hinter den Häusern ab. Soll ich es wagen:

Kein öffentlicher Weg. Durchgang auf eigene Gefahr. Bundesvermögensstelle Emden.

Gibt es denn wirklich, abgesehen von der breiten in den Ort führenden Autostraße keinen sicheren Pfad? Neben dem Empfangsgebäude, gerade gegenüber von der Anlegestelle meines Schiffes, zweigte ein breiter Weg in Richtung auf die Promenade ab. Also zurück zur Kaistraße und auf diesen Weg. Die Inschrift eines Schildes zu meiner Rechten, dessen Rückseite ich erblicke, gilt für meinen Weg, den ich gerade einzuschlagen gedenke. Ob ich mich neuen Gefahren aussetze?

Gefährliches Gelände. Betreten auf eigene Gefahr. Domänen- Rent- und Bauamt Norden.

Hier bin ich von Gefahren umlauert. Also vorwärts zur sieben Kilometer langen Strandpromenade, die der Prospekt des Staatsbades besonders empfiehlt. Sie beginnt mit einem Begrüßungsschild:

Kein öffentlicher Weg. Befahren und Begehen auf eigene Gefahr. Wasser- und SchiffahrtsamtNorden. Ich versuche, den Unterschied zwischen Betreten und Begehen herauszufinden und mache mich vorsichtig auf den Weg. Ich wage kaum, zur Linken auf das Meer zu gucken; wer weiß, was die Schilder zu meiner Rechten mir zu erzählen haben:

Betreten verboten! Lebensgefahr! Bundesvermögensstelle Emden

Der Schilderwald – Seite 3

Ich bedauere den Fahrer eines Lkw, der mit Arbeitsmaterial für den Uferschutz in einiger Entfernung von diesem Schild unter Lebensgefahr auf diesem Gelände fährt.

Drei Behörden haben die kostbare Arbeitszeit ihrer Beamten und den Instanzenweg ihrer Dienststellen in Anspruch genommen, um mich vor den Gefahren auf dieser Insel, auf der ich mich doch erholen will, zu wählen. Drei? Irrtum! Eine vierte Behörde möchte nicht zurückstehen:

Unbefugten ist das Betreten des Geländes verboten! Finanzamt Norden.

Warum auch nicht? Wenn schon Mittel zur Verfügung stehen, um dem herrlichen Wäldchen auf Norderney noch einen Schilderwald hinzuzufügen, warum sollte das Finanzamt dann fehlen?

Als ich die Promenade vor dem West-Bad erreiche, hoffe ich allen Gefahren entgangen zu sein. Jedoch, wenige Schritte von der Badehalle West entfernt, die nur über die Strandpromenade zu erreichen ist, lese ich:

Kein öffentlicher Weg! Die Benutzung der Wandelbahn ist nur Fußgängern auf eigene Gefahr gestattet. Wasser- und Schiffahrtsamt Norden.

Ein Fortschritt! Mir ist etwas gestattet. Der Prospekt der Kurverwaltung allerdings schweigt von den Gefahren ganz und singt nur ein Loblied der Wandelbahn! Unten am Meer finde ich eine neue Nuance in dem Schilderwald:

Der Schilderwald – Seite 4

Die Buhnen dienen nicht dem öffentlichen Verkehr! (Was mag das sein?) Das Betreten der Buhnen geschieht auf eigene Gefahr. Wasser- und Schiffahrtsamt Norden.

Am Ende der Wandelbahn führt ein breiter, mit Betonplatten belegter Weg über die Dünen in den Ort: Sicherlich ein Zugang zum Bade- und Korbstrand. Auch auf diesem Weg jedoch lauern Gefahren, wie mich ein Schild belehrt. Am Seehospiz und am Friedhof (der laut Schild kein Kinderpielplatz ist!) vorbei am Wasserturm. Hier setze ich mich einer, letzten Gefahr aus, denn nachdem ich 25 Pfennig entrichtet habe – werde ich belehrt, daß ich den "bequemen Aufstieg" (so ein Schild – bevor die Kasse zu sehen war) nur "auf eigene Gefahr" (so zu lesen, nachdem ich bezahlt habe!) benutzen kann.

Sollte die Kurtaxe sieht ausreichen, diesen Schilderwald abzuholzen, oder sollte sie nicht ausreichen, um die Gefahrenquellen zu beseitigen? A. M.