Die Wertpapierabteilungen der Banken atmen auf. Sie merken, daß ein großer Teil der Kundschaft in Urlaub gefahren ist und daß damit auch die Aktivität der Kundschaft auf dem Wertpapiergebiet nachgelassen hat. Die täglichen Überstunden können auf das normale Maß zurückgeführt werden. Die geringe Umsatztätigkeit hatte bislang allerdings keine rückläufigen Kurse im Gefolge. Im Gegenteil, die meisten Aktien konnten auch in den letzten Tagen noch hübsche Gewinne verzeichnen. Sie gehen bei den IG-Farben -Nachfolgern offensichtlich auf das Konto neuer Auslandskäufe. Tatsächlich waren die Kurse von BASF, Bayer und Hoechster Farben gegenüber den anderen Werten etwas „zurückgeblieben“, wenn man diese Feststellung angesichts des jetzt erreichten Kursniveaus überhaupt noch machen darf.

Fest tendierten daneben aber auch die meisten Eisen- und Stahlpapiere. Einmal haben die jüngsten Hauptversammlungen mit den recht günstigen Verwaltungserklärungen neue Anregungen gegeben, zum anderen hat der jetzt ausgebrochene Stahlarbeiterstreik in den USA die Gewißheit gebracht, daß die für diesen Streik in den USA angehäuften Eisen- und Stahlvorräte nun wirklich gebraucht werden, also nicht irgendwann wieder auf den Markt drücken können. Wenn daneben auch zeitweise Bergwerks-Aktien zu steigenden Kursen aufgenommen wurden, dann läßt sich dies nur als Auswirkung eines Berichtes der Europäischen Wirtschaftskommission erklären, der nicht nur einen Abbau der Kohlenhalden für wahrscheinlich hält, sondern darüberhinaus wieder einmal eine Kohlenknappheit voraussagt. Also günstige Prognosen auf der ganzen Linie...

Dennoch hält die Diskussion in Fachkreisen über die Berechtigung des heutigen Kursniveaus an. Immer neue Argumente werden in die Debatte geworfen. Eines schält sich dabei deutlich heraus: Die Rendite-Rechnung, die allein auf die ausgeschütteten Dividenden baut, ist überholt. Fast jede Bilanz beweist eindeutig, daß der ausgeschüttete Gewinn stets nur einen Teil des tatsächlich erwirtschafteten Überschusses ausmacht. Für die Bewertung der Aktie ist deshalb der echte Ertrag zugrunde zu legen, der sich aber für den Außenstehenden in seiner wirklichen Höhe nur schwer ermitteln läßt. Auch das ist ein Grund, warum immer wieder eine detaillierte Gewinn- und Verlustrechnung gefordert wird.

Nicht verschwiegen werden darf aber in diesem Zusammenhang eine Bewertungstheorie, die zwar zur Zeit jeglicher Grundlage entbehrt, die aber dennoch in den Köpfen mancher Börsianer herumspukt. Auch hier geht es um das Rendite-Prinzip. Es wird eingeräumt, daß die Rendite der führenden Aktien jetzt auf die 2 1/2 v. H.-Marke zusteuert, aber gleichzeitig wird behauptet, daß der „wahre“ landesübliche Zinsfuß nicht viel höher liegt. Wieso? Ausgehend von der Effektiv-Verzinsung der festverzinslichen Werte, die bei 5 1/2 v. H. liegt, wird ohne viel Hemmungen behauptet, daß hiervon rund 3 v. H. für den jährlichen Geldwertschwund abzuziehen sind. Was nachbleibt, sind dann 2 1/2 v. H., das ist eine Rendite, die von den meisten Montanaktien noch überboten wird. Vergessen wird in dieser Rechnung, daß der Geldwertschwund keine feste Größe ist und durchaus nicht jährlich mit 3 v. H. einzutreten braucht, wie die letzten Monate eindeutig bewiesen haben. Aber wer Hausse-Argumente sucht, ist heute nicht mehr wählerisch... Kurt Wendt