Eine amtliche Stelle war so freundlich, mir Gedrucktes zu schicken: Ergebnisse einer Umfrage, wie die Franzosen über uns Deutsche denken. Dabei sind auch Vergleichszahlen angeführt, wie sie vor einem Jahr dachten. Also, liebe Landsleute, hoch die Köpfe!

Wir galten schon vor einem Jahr auf der Liste der Beliebtheit ziemlich viel. Jetzt, nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Engländern nur noch ein Sieg über die Schweizer, und wir stehen obenan. Das hat mit seinem Singen Robert Schuman getan, und noch viele andere wären zu erwähnen, die, als de Gaulle noch „germanophob“ reagierte, in Europas Frühlingstagen an eine neue Gemeinschaft zwischen beiden Völkern glaubten, wie sie seit Charlemagnes oder Karls des Großen Zeiten nie mehr dagewesen ist. Denn Napoleons Europa können wir hier nicht rechnen, weil es ja wohl die Franzosen waren, die Kleist meinte, als er sang: „Schlagt sie tot! Das Weltgericht fragt euch nach den Gründen nicht.“

Es ist aber schade, daß im Augenblick keine vergleichbare Statistik darüber zur Verfügung ist, in welchem Grade der Achtung oder Mißachtung wir bei den Engländern stehen. Doch haben wir Gründe, in dieser Hinsicht nicht allzu optimistisch zu sein. Und dies, obwohl die Gestapo doch nie in die Lage kam, den Engländern ähnliche Gemeinheiten zuzufügen wie den Franzosen.

Nehmen wir beispielsweise nur jenen Fall aus der Besatzungszeit, in dem ein betrunkener Deutscher einen anderen in einem Pariser Bordell erschoß, worauf fünfzig Franzosen als Geiseln festgenommen und zur „Vergeltung des Mordes an einem deutschen Offizier“ vor die Gewehre der SS gestellt wurden. Ich notiere diesen Fall nicht deshalb, weil er der schlimmste unter den Besatzungs-Verbrechen war – es mögen noch schlimmere passiert sein –, sondern weil ein Freund, als ich von der stark angestiegenen Kurve der Beliebtheit sprach, aus persönlichen Gründen die Rede darauf brachte: Dieser Blitz hatte nämlich in den engsten Kreis seiner Bekannten eingeschlagen. Wie soll er ihren Kindern erklären, die heute zwar längst erwachsen sind, aber nicht vergessen können, welch kummervolle, armselige Jugend ohne Ernährer hinter ihnen liegt, daß er, ein Freund ihres gemordeten Vaters, mit Deutschen befreundet ist? Nun, er erzählt zum Beispiel, daß es in München einen Schriftsteller gab, den die SS bloß deshalb erschoß, weil er denselben Namen trug wie einer, den sie erschießen wollte: ein Versehen ...

Täglich gehe ich im Quartier Latin an Häusern vorüber, die kleine Tafeln tragen mit Inschriften wie „Hier fiel in ruhmvollem Kampf der Korporal X für die Befreiung der Hauptstadt“. Nun, es war Krieg, und daß die Gefallenen stets glorieusement ihr Leben ließen, entspricht einer liebenswerten Formel, die verhindert, daß man allzu sehr an den Feind denkt, der da schoß. Aber im Jardin de Luxembourg gehen täglich Hunderte an einer in den Erdboden eingelassenen Platte vorüber, die anzeigt, daß an dieser Stelle sieben Männer der Résistance erschossen wurden. Und um von Harmlosigkeiten zu reden: In vielen Familien hebt man Photographien auf – und sie sind noch nicht vergilbt –, auf denen man vor ärmlichen Geschäftsauslagen prominenter Straßen plumpe Gestalten in Reithosen und Stiefeln sieht, mit Mützen, deren Schirme tief herabgezogen sind, so daß man glauben mag: Diese Menschen hatten keine Stirn, aber dafür stumpfe, finstere Blicke, Roboter des Krieges, im Gleichschritt hermarschiert aus einem Lande, in dem es kalt, feucht, seelenlos, unmenschlich und unbegreiflich zugehen muß. Solche Photographien sind das!

Und dennoch mögen uns die Franzosen fast so sehr, wie sie die Schweizer mögen? – „Ein bißchen liegt dies wohl auch daran, daß die Schweizer so schöne Berge und Seen, und die Deutschen den Schwarzwald haben“, lautete die Einschränkung eines französischen Kommentators.

Die Umfrage sagt ferner, daß an die achtzig Prozent des Volkes das Bündnis mit der deutschen Bundesrepublik aus politischen Gründen bejahen, und daß sie wünschen, es möge so eng wie möglich werden. Das sind alle Franzosen minus Kommunisten und minus einzelne Menschen, die persönliche Erfahrungen der Kriegszeit noch nicht verwunden haben.