Von Ingrid Neumann

Monate lang hörte man immer wieder das Argument, für die deutsche Stahlindustrie werde es hart sein, wenn der Streik der amerikanischen Stahlarbeiter nicht stattfände. Schon ein Streik von kürzerer Dauer als allgemein erwartet, könne „katastrophale Auswirkungen“ auf die gerade wieder anziehende Stahlkonjunktur in Europa haben, hieß es sogar manchmal in den Reihen der westdeutschen Montanindustrie, die dem plötzlichen Klimawechsel im Stahlgeschäft zunächst nicht traute. Das war eine höchst befremdliche Reaktion auf den – damals noch bevorstehenden – Streik, der, in jedem Falle eine empfindliche Störung des internationalen Marktes bringen muß.

Inzwischen hat sich das bekannte Selbstvertrauen der Stahlproduzenten an Rhein und Ruhr wieder eingestellt. Die seinerzeit mehr oder, minder diplomatisch geäußerten Befürchtungen stehen sogar in auffälligem Gegensatz zum Eifer, mit dem sich die Beteiligten heute bemühen, Vorteile aus dem Produktionsausfall der größten Stahlindustrie den Welt zu bestreiten. Dabei wird auf die hohen Vorräte der amerikanischen Wirtschaft hingewiesen. Bei den Verbrauchern in den USA liegen gute 20 Mill. t Walzstahl; das ist etwa soviel wie die gesamte westdeutsche Rohstahlerzeugung, die im vergangenen Jahr knapp 22 Mill. t betrug. Diese Lagerhaltung der amerikanischen Verarbeiter war möglich, weil die amerikanische Stahlindustrie in Erwartung des Streiks seit Monaten auf Hochtouren gearbeitet hat. Im ersten Halbjahr 1959 haben die Hüttenwerke mit 59 Mill. t Rohstahl einen neuen Produktionsrekord erzielt; im ganzen Jahre 1958 sind nur knapp über 77 Mill. t erzeugt worden.

Wenn sich nun auch die Hohe Behörde bemüht, nachzuweisen, daß diese Vorgänge in den Vereinigten Staaten ohne Rückwirkungen auf den europäischen Stahlmarkt bleiben werden, dann kann sich diese Feststellung wohl lediglich auf die direkten Käufe amerikanischer Verbraucher beziehen. Diese werden, in der Tat – wenn die über die Bevorratung angegebenen Zahlen stimmen – vorerst kaum gezwungen sein, ihre Einfuhren schlagartig zu erhöhen. Nach den in Luxemburg veröffentlichten Statistiken haben die amerikanischen Bestellungen in den Ländern des Gemeinsamen Marktes ohnehin nur zwei bis drei v. H. des monatlichen Gesamtauftragsvolumens ausgemacht. Trotzdem sollten die – z. T. sogar nur psychologisch bedingten – Ausstrahlungen dieses bedauerlichen Konflikts zwischen den Sozialpartnern der amerikanischen Schwerindustrie auf den internationalen Markt nicht unterschätzt werden.

Abgesehen davon ist die westdeutsche Stahlindustrie gar nicht mehr auf den amerikanischen Streik „angewiesen“. Die Hüttenwerke an der Ruhr können sich wieder auf einen soliden Markt, vor allem im Inland, stützen. Auch das Exportgeschäft steht wieder auf festen Fundamenten. Der monatliche Auftragseingang hat sich mit über 1,5 Mill. t Walzwerksmaterial auf einem beachtlichen Niveau eingependelt. Dementsprechend ist die Beschäftigung der Werke gut. Im Juni hat die Rohstahlproduktion mit 2,23 Mill. t sogar einen neuen Höchststand erreicht, der durch absolute Rekordziffern bei einzelnen Werken gekennzeichnet ist. Gleichzeitig hat sich eine bemerkenswerte Umschichtung in der Größenordnung innerhalb der Spitzengruppe ergeben.

Daß die Stahlindustrie damit liebäugelt, nunmehr in absehbarer Zeit die Exportpreise (die etwa bei der Hälfte aller Erzeugnisse noch immer unter den Inlandspreisen liegen) weiter heraufzusetzen, dürfte auf die geschilderte konjunkturelle Entwicklung zurückzuführen sein. Dennoch hat es erfreulicherweise die kaufmännische Kommission der in der Brüsseler Exportkonvention vereinigter Stahlerzeuger von Westeuropa abgelehnt, diesen Schritt als erste Reaktion auf den Stahlstreik in den USA jetzt zu unternehmen. Aber die Exportpreise werden zwangsläufig anziehen. Für den Inlandsverbraucher bleibt indessen – vorerst noch – die tröstliche Gewißheit, daß trotz der steigenden Produktion eine Kapazitätsreserve vorhanden ist, die ihm seine Mitbestimmung am Preis sichert.

Es wäre bedauerlich, wenn die just genesene westdeutsche Stahlindustrie jetzt in den Sog einer krankhaften Hausse geraten würde. Die Version „Wir brauchen den amerikanischen Streik“ war nicht nur höchst bedenklich; sie wurde auch schnell von der Entwicklung ad absurdum geführt. Die andere Version „Der Streik tut uns nichts“ kann richtig sein, wenn vorsichtig gehandelt und bedacht wird, daß einer Marktverzerrung zwangsläufig die Normalisierung folgen muß. Sie dauert möglicherweise sehr lang – das müßte eigentlich gerade diesem westdeutschen Industriezweig noch gegenwärtig sein...