Eine kleine Nachricht, über die sich niemand bisher Gedanken machte: Bestärkt durch das Ufi-Gesetz, demzufolge alle Filmfirmen, die nach 1938 verstaatlicht worden waren, an ihre Eigentümer zurückgegeben werden sollen, beabsichtigt der Bund, der Ufa mit den alten Wochenschauen auch die darin enthaltenen Filmberichte der PK-Leute aus dem vergangenen Krieg zu übergeben. Wir meinen: hier sind einige Bedenken angebracht.

Die im Kriege hergestellten Wochenschauen waren nur 1939, dem ersten Kriegsjahr, von den damals bestehenden privaten Wochenschaufirmen, wie der Ufa, der Bavaria und Tobis, herausgebracht worden. Von 1940 an freilich war dies der eigens gegründeten „Deutschen Wochenschau GmbH“ übertragen worden. Die Kameraleute der Propaganda-Kompanie (PK), die den Krieg zu filmen hatten, waren auch nicht Angestellte privater Firmen, sondern Soldaten, die vom Reich eingezogen und besoldet wurden und nichts anderes taten, als Befehle auszuführen. Geld für den Kauf von Geräten gab das Oberkommando der Wehrmacht; das Filmmaterial wurde aus Mitteln des Propagandaministeriums beschafft, das übrigens seinen Einfluß allerorten geltend machte. Der Staat, der schon im ersten Weltkrieg mit der Meßter-Wochenschau zum erstenmal als Filmhersteller gewirkt hatte, war es auch, der alle Filmaufnahmen unter dem Siegel „geheim“ entgegennahm, zensierte und verteilte.

An den Schauplätzen des Krieges sind rund fünf Millionen Meter an Filmberichten aufgenommen worden. Indessen haben nur etwa zehn Prozent davon das Zensorengremium – das aus Mitgliedern der Wehrmacht, der Sicherheitsbehörde, des Propagandaministeriums und der Deutschen Wochenschau“ bestand – im Goebbelsschen Kinosaal passiert und sind öffentlich vorgeführt worden.

Die zurückgehaltenen Originalnegative, die einmal zu einem grandiosen Siegesfilm hatten verarbeitet werden sollen, waren in einem Stollen des Kalkbergwerks in Rüdersdorf bei Berlin eingemottet worden; sie sollen, nachdem sie von den Sowjets gefunden worden waren, bei einem Unglück verbrannt sein. Die „Lavendelkopien“ – das sind Erstkopien, die duplizierfähig waren – sind auf dem Berliner Reichssportfeld von Bomben vernichtet worden. Damit sind die Negative, die für die Wochenschauen verwendet worden sind, die einzigen, die erhalten geblieben sind. Vermutlich sind sie im Besitz der Sowjetzone und also für alle westlichen Länder unerreichbar. Im Bundesarchiv in Koblenz befinden sich jedoch die Kopien dieser Wochenschauen.

Es ist kein Zweifel: Diese nahezu komplette Serie der Kriegswochenschauen – der ungefähr 300 000 Meter lange Rest von ursprünglich fünf Millionen Metern Film – sind Dokument; von ungewöhnlich hohem Wert, die zu erhalten der Staat allen Grund hätte. Am Rand sei hier vermerkt, daß der Bund beschämend wenig tut. diese Schätze zu pflegen. Von den 180 000 Marx, die für die Konservierung bewilligt worden sind und innerhalb von sechs Jahren ausgezahlt werden, können jährlich nur etwa 28 000 Meter der leicht brennbaren Nitrofilme auf Sicherheitsfilme übertragen werden.

Mit der Übergabe dieser Filme an die Ufa, die sich – wie verständlich! – sehr dafür interessiert, begäbe sich der Bund dieser einzigartigen und wichtigen historischen Dokumente, und außerdem bedeutete dies auch: Die Ufa erhielte das Monopol für die Verwendung dieses dokumentarischen Materials für den Fall, daß Hersteller von Kriegsfilmen darauf zurückgreifen möchten. Es wäre für eine Privatfirma ein ganz außerordentliches Geschehnis, wenn andere Filmfirmen, die sich der PK-Filmstreifen zu bedienen wünschten, artig bei der Konkurrenz anzuklopfen hätten, hoffend, Gnade und Bereitwilligkeit zu finden.

Die Filme der Kriegswochenschauen sind zwar durch die Zensur ausgewählt und häufig nach Propaganda-Prinzipien zusammengestellt worden (so sah man auf diesen Bildern niemals einen toten deutschen Soldaten), aber Dokumente sind sie immerhin. Der Staat sollte sie pflegen. Überdies waren die Kameraleute der PK nur in seltenen Fällen Nazis. Sie waren so gut wie nie um Politik, aber dafür desto eifriger um das Bild und die Aktualität bemüht. Viele sind dabei gefallen. Auch dies sollte man bedenken, ehe man das, was von ihrer Arbeit übrigblieb, in den Strom der rivalisierenden Privatinteressen wirft.

Manfred Sack