Hamburg, im Juli

Die internationale Heerschau der Sozialisten im Curio-Haus zu Hamburg fand an weißgedeckten Tischen statt. Gemessen, fast etwas steif ging es zu im Kongreßsaal, in dem die Ober beflissen bin und her eilten. Es gab mehr Blumen als Fahnen, mehr Menetekel als Embleme, mehr gedämpften Trommelklang als mitreißende Fanfarenstöße. Und über der Versammlung lag spürbar jene Resignation, die der Österreicher Oscar Pollak in seiner Eröffnungsrede mit dem Etikett versah: „Enttäuschung der Erfüllung.“

„Der Missionscharakter des demokratischen Sozialismus stumpft sich an seinen Erfolgen ebenso ab wie die Begeisterung der Massen“, dozierte Pollak vor den 150 Delegierten des VI. Kongresses der Sozialistischen Internationale. Die Träume gehen verloren, wenn die Traumbilder von gestern zur Wirklichkeit von heute werden, und die sozialistische Idee verliert an Glanz, je mehr die nationale Idee auch bei den Sozialisten an Boden gewinnt ...

Wie sehr Pollak mit dieser These ins Schwarze traf, machte der Verlauf des ganzen Kongresses deutlich. In Europa zumal ist die Integration der Arbeiter in die Nation so weit fortgeschritten, daß die demokratischen Arbeiterparteien längst dem Staate, in dem sie wohnen, treuer ergeben sind als der Idee, der sie sich verpflichtet fühlen. Vorbei ist es mit dem „Primat des Internationalismus vorbei mit jener Heroenzeit, da die Internationale über Parteien einzelner Länder zu Gericht saß. Die nationalen Empfindlichkeiten sind stärker, die internationale Solidarität aber ist schwächer geworden. Was auch erklärt, weshalb der Kongreß wohl eine Resolution über Malta, eine über den Suez-Kanal und eine dritte gegen das Franco-Regime faßte – keine jedoch zum Algerienproblem: sie hätte anwesende Genossen verletzen können.

Die Schlußresolution überhaupt, und auch die Debatten, die ihr vorangingen – was war daran schon typisch sozialistisch? Wo blieb die große Gesellschaftsanaiyse, wo die gründliche Durchleuchtung des Wirtschaftsgefüges? Es war bezeichnend, daß der Name Karl Marx nur beiläufig erwähnt wurde – historischer Zierat; eine Reverenz im Vorbeigehen, aber kein Versuch zur Nachfolge. Und was an großen Worten von Menschheitswürde und Freiheit zu hören war, das ist wahrhaftig längst kein Monopol der Sozialisten mehr. Es findet sich heutzutage in der geistigen Rüstkammer eines jeden halbwegs modern denkenden Politikers – gleich welcher Richtung.

Wo schließlich war die vielgerühmte sozialistische Einmütigkeit? Die Risse liefen querdurch die demokratische Linke: in der Atomfrage, in der Disengagementfrage, in der Algerienfrage. Hier gab es keinen gemeinsozialistischen Nenner, nur die verschiedenen nationalen Auffassungen.

In der Zwischenkriegszeit sprachen viele Sozialisten von einer Internationale der Minister und der Emigranten. Heute ist noch eine Gruppe dazugestoßen: zu der Internationale der Saturierten und der exilierten Heimatlosen die Internationale der Unerfüllten. Aber auch hier stellt sich die Frage: Sind sie, die von den Bettelfransen des asiatischen Purpurmantels und aus dem schwarzen Afrika kommen, sind sie wirklich Sozialisten? Sind es nicht viel mehr Nationalrevolutionäre als Sozialrevolutionäre, viel mehr Patrioten als Proletarier?

So gab denn die Heerschau in Hamburg unzweifelhaft dem Wiener Oscar Pollak recht, der schon vor Jahren gesagt hatte: „Nur ein Minimum an gemeinsamen Grundsätzen wird sich als Grundlage einer neuen Gemeinschaft, einer neuen Internationale bewahren lassen.“ Th. S.