Die Form des Unterrichts, welche den eigentlich ärztlichen Teil der Ausbildung bis hinter das Staatsexamen hinausschiebt, wird von den Studenten selber als recht fragwürdig empfunden. Was nützt es dem angehenden Arzt, so fragen sie etwa, wenn er zwei Semester lang in einem vielstündigen chirurgischen Hauptkolleg noch so komplizierte Fälle, noch so gewagte Operationen von der 15. oder 20. Hörerreihe aus miterleben darf, jedoch nach sechs Jahren Studium nicht in der Lage ist, einen Furunkel auf zuschneiden?

Es hat sich bei den jungen Leuten herumgesprochen, daß man in England und Amerika (in Ländern, deren medizinisches Ausbildungsniveau uns nur mit Neid erfüllen kann) bewußt und seit langem, andere Wege geht. Hier werden die großen Hörerscharen in kleine und kleinste Gruppen aufgeteilt, welche unter der Leitung von Dozenten und erfahrenen, älteren Assistenten voh Anfang an in die praktische klinische Arbeit einbezogen werden, Während sich der Vorlesungsbetrieb darauf konzentriert, das in der praktischen Erfahrung Erlebte theoretisch zu unterbauen.

Für die typisch deutsche Zentralisierung auch des Unterrichts in Form der „Hauptvorlesung“ läßt sich das Idealbild von der „Einheit des Gesamtfaches“ anführen, die dem Lernenden in einer Zeit immer mehr zunehmender Spezialisierung vielleicht wirklich nur noch auf diese Weise vermittelt werden kann. Es ist gewiß ein großes Erlebnis, wenn ein bedeutender Gelehrter eine geschlossene Darstellung seines Gesamtgebietes vorträgt. Die Ausbildung leidet aber darunter, wenn man sie in dem Maße, wie es bei uns immer noch geschieht, auf derartige Hauptkollegs konzentriert. Dabei werden auch noch die ohnehin nicht sehr zahlreichen außerplanmäßigen Professoren Und Dozenten auf Nebenthemen abgedrängt, für welche die Studenten dann auch meist gar keine Zeit mehr finden.

Man fragt sich, welchen Zweck der Schrei nach einer Vermehrung der außerplanmäßigen Professuren und Dozentenstellen eigentlich verfolgt, wenn man aus der Erfahrung weiß, daß der durchschnittliche Ordinarius auch im Bereiche des Unterrichts doch darüber wachen wird, daß niemand ihm Hörer „wegnimmt“, wenn er allenfalls kleine Spezialkollegs duldet, die nur Wenige Interessierte anzuziehen vermögen.

Jede gesellschaftliche Funktion prägt, bis zu einem gewissen Grade, die Persönlichkeit, von der sie ausgeübt wird. Man überdenke unter diesem Gesichtspunkt die von uns aufgezählte Liste der Ordinariatsgeschäfte noch einmal. Gerecht zu werden vermöchte dieser Ballung von Pflichten und Verantwortungen nur noch ein Herkules.

Das Ordinariat in seiner heutigen Form ist eine Fiktion. Aber eine Fiktion, die als konkrete Forderung zäh festgehalten wird. In dieser Zwangslage muß man sich einreden können, man sei ein Übermensch, um nicht zu verzagen. Dieser psychologische Mechanismus erklärt vielleicht die in unserem Bereiche nicht ganz seltenen Falle schlichten Größenwahns.

Die psychologische Folge der ständigen Konfrontation mit einer Aufgabe, deren grundsätzliche Unlösbarkeit zu den strengsten Tabus des deutschen Universitätsbetriebes gehört, auf einem Lehrstuhl, den einst ein berühmter Vorgänger der „klassischen“ Wissenschaftsepoche innehatte, ist innere Unsicherheit, Kritikempfindlichkeit und Anspruch auf fachliche Unfehlbarkeit. Diese Wesensmerkmale scheinen denn auch, will man nicht die Behauptungen fast aller befragten Assistenten in Zweifel ziehen, jedenfalls einem Typ des heutigen deutschen Universitätsprofessors ebenso anzugehören, wie die legendäre Zerstreutheit als ungleich liebenswürdigeres Attribut seines längst ausgestorbenen Ahnherren.