trafen, sei es, daß sie selber als Kriegsgefangene in Deutschland waren. Und ich vergesse den Taxifahrer nicht, der Deutschland lobte und den sächsischen Dialekt, den er beherrschte, für Deutsch hielt.

Doch zurück zur Statistik: Bei nonchalanter Betrachtung der Antworten – denn man soll derlei Umfragen zwar ehren, weil sie den beauftragten Fragern viel Mühe machen, jedoch nicht überschätzen – kam ich schließlich an einen Passus, der mich verblüffte. Da hieß es nämlich: „Glauben Sie, daß die Deutschen gute Demokraten sind?“, eine Frage, die mit jener anderen Überlegung zusammenhing, ob die Franzosen uns Vertrauen schenken könnten ... Und wen verblüffte das nicht? Haben sie etwa dem General de Gaulle alle Macht gegeben – mit fast neunzig Prozent der Stimmen –, weil sie glaubten, ein einzelner Mann garantiere prinzipiell mehr Demokratie als ein ganzes Parlament? Das doch wohl nicht!

So dürfen wir anläßlich dieser großen Umfrage wohl eine kleine Gegenfrage stellen: Entspricht es vielleicht bloß noch den guten Sitten, daß man Vertrauen nur dort schenkt, wo man glaubt, es mit aufrechten Demokraten zu tun zu haben? Und gelten diese guten Sitten auch für den Fall, daß man selbst in einem Lande lebt, in dem die sorgenvollsten Gespräche doch stets dem Thema gelten, wieviel Demokratie noch vorhanden sei und wieviel der vorhandenen Demokratie im Laufe der Zeit verschwinden könnte? Kurzum: Obwohl ich mir geschworen hatte, nicht mehr dorthin zu gehen – angesichts dieser Frage ging ich wieder hin. Ins Parlament...

Das Palais Bourbon, wo die Abgeordneten tagen, zeigt dem Betrachter, die vom Concordia-Platz über die Brücke kommen, ein vornehmes, aber abweisendes Gesicht. Er sieht die klassizistischen Säulen, die noblen Treppen und denkt, dieses stilvolle Gebäude könnte geradesogut auch ein Museum sein. Böser Gedanke: ein Museum für parlamentarische Demokratie ... Doch analog der Tatsache, daß Politik oft „hinten herum“ stattfindet, betreten die Politiker das Gebäude durch rückwärtige Tore, die allerdings auch nicht gerade unansehnlich sind. Von dort gelangt man in den amphitheatralisch gebauten Saal, dessen Wände noch das Echo berühmter Reden zu bewahren scheinen, die einst von großen, leidenschaftlichen Rhetoren in schicksalhaften Stunden der Nation gehalten wurden. Aber man gelangt auch in die Couloirs, in die Wandelgänge, wo manche Politiker, die gerade ihren Gegner in Grund und Boden geredet, auf eben diesen zutraten, ihn am Arm nahmen und ihn zwangen, auf- und abzuwandeln, als geschähe es in schönstem Einvernehmen.

Beides – die flammende Eloquenz im Sitzungssaal wie das halb ernst, halb spöttisch gemeinte, auf jeden Fall verblüffende Promenieren – bras dessus, bras dessous – ist vorüber. In der Abgeordneten-Kammer weht ein anderer, ein kühlerer Wind. Er erlaubt es nicht, daß die Worte auf der Rednertribüne so heiß serviert werden, wie sie im privaten Kämmerlein des Abgeordneten gekocht wurden. Er läßt es auch nicht zu, daß in den Wandelgängen die gegnerischen Parteien allzu intim miteinander flirten. Übrigens erreichen die Abgeordneten, wenn sie auf der Rückseite des Parlaments aus und ein gehen, ziemlich leicht einige sehr empfehlenswerte Lokale, die über ausgezeichnete Köche und exquisite Weinkeller verfügen, so daß denn mancher Anteil der Diäten gar nicht erst in die Provinzen gebracht zu werden braucht, aus denen die Parlamentarier stammen, sondern gleich hier seinen Bestimmungsort findet.

Im großen Sitzungssaal, dem amphitheatralischen, bin ich einst, zu Zeiten der III. Republik, einige Male gewesen, und jung wie ich war, fühlte ich mein Herz schwellen bei dem Gedanken, daß hier die Männer vereint saßen, die wüßten, was dem Vaterlande bekömmlich sei. Sie hatten alle ausdrucksvolle Köpfe, und mir fiel auf, daß jene die beredsamsten waren, die es mit der Frisur nicht sonderlich genau nahmen. Ihnen wuchs das Haar über den Rockkragen, wo es sich sogar noch einmal umdrehte. Freilich wußten sie nie, wo eigentlich ihre Brille oder der Kneifer steckte. Wenn sie am Rednerpult etwas vorlesen wollten, so suchten sie oft mit nervösen Gesten in den Taschen, wobei sie es meisterhaft verstanden, die Wartezeit durch sarkastische Bemerkungen, ja sogar durch Witze zu überbrücken. Ich könnte noch einige Witze und Namen nennen – große Namen. Ich unterlasse es aber.

Das Parlament der IV. Republik hingegen habe ich nur im Kino gesehen, wenn es gerade wieder einmal damit beschäftigt war, die Regierung zu stürzen, 20 Regierungen; in Worten: zwanzig. Es tauchten dabei zwar stets noch einige der eindrucksvollen Köpfe von ehemals auf – das ließen sich die Kameraleute natürlich nicht entgehen. Aber man sah, daß diese großen Rhetoren traurige oder bitterböse Gesichter hatten. Und auch die Fülle der unbekümmerten Haartracht war nicht mehr die gleiche. Viele – und nicht die schlechtesten unter ihnen – trugen jetzt eine Glatze.