Der 14. Juli in Paris – Das Gigantische war Trumpf

Von Josef Müller-Marein

Paris, Mitte Juli

Das große Fest, bei dem das Frankreich des Jahres 1959 vor den Spiegel trat, um sich am eigenen Anblick zu berauschen, begann mit einem großen Auszug. Neunhunderttausend Pariser hatten festgestellt, daß an dreieinhalb Tagen nicht gearbeitet würde. Flohen sie schon am Samstagmittag die Hauptstadt, über deren Dächern die Sonne unbarmherzig glühte, so würde sich mehr als nur ein langes Wochenende ergeben; ach, man konnte schon sagen: Ferien miniature.

Am Abend des 14. Juli verstopften die Autos der heimkehrenden Bürger dermaßen die Ausfallstraßen, daß ein Fußgänger, der gemächlichen Schrittes beispielsweise den Boulevard St. Michel hinabspazierte, mit großer Schadenfreude die zehnfache Geschwindigkeit für sich buchen konnte. Anderen Tages reisten dann jene in Urlaub, die traditionsgemäß an den Feierlichkeiten teilzunehmen pflegen. Schließlich nahte sich der Plakatsäule in der Nähe meiner Wohnung auch wieder der Mann mit dem Eimer und Pinsel. Er faßte das Plakat "Es lebe der 14. Juli" scharf ins Auge, trat näher und überklebte es mit dem altvertrauten Aufruf: "Es lebe die Elektrizität".

Der größte Ball der Welt

Schon viele Tage vor dem Fest war verkündet worden, daß dies der "größte 14. Juli aller Zeiten" sein werde. Riesig sollte schon das Feuerwerk am wolkenlosen Nachthimmel werden, massenhaft der Fackelzug, der sich vom Platz der Republik die großen Boulevards entlang zur Oper bewegen werde. Und was hörte man nicht alles von dem "größten Ball der Welt" zu Füßen des Invalidendomes! Fünf Kapellen, hundert Buden, abertausend Lampions. Obendrein wimmelte es schon seit Tagen auf dem Concordia-Platz wie auf einem Ameisenhaufen. Latten, Balken, Eisenschienen, Aluminiumgitter bewegten sich auf den Schultern starker Männer. Und als der Festtag erschien, erhob sich am Obelisk eine Konstruktion, die trotz ihrer Größe etwas schwebend Leichtes hatte: ein riesiges, schräg gestelltes Tablett sozusagen, gedacht als Ehrentribüne für de Gaulle und seine Gäste, vor deren Blicken sich der Glanz der Champs Elysées bis hin zum Triumphbogen entfalten würde.