Ein Schicksal am Rande der Weltgeschichte und auf unvorhersehbare Weise am Ende doch in die Weltgeschichte mündend, war der kleinen Seidenhändlerstochter Eugenie Désirée Clary aus Marseille beschieden. Der junge General Napoleon Bonaparte verlobte sich mit ihr; wohl auch, weil sie ihm gefiel, besonders aber weil er ihre Mitgift brauchte. Ein Jahr später schon fand er in Paris eine für seinen Aufstieg noch brauchbarere Braut: Josephine Beauharnais, die er nachmals zur Kaiserin machte, um sie gegen die österreichische Kaisertochter Marie-Luise einzutauschen, weil sie ihm keinen Thronerben gebar. Der kleinen Eugenie Désirée, deren Herz er gebrochen hatte, schickte General Bonaparte eine ganze Kollektion erstklassiger Freier zu. Sie schlug alle aus und erwählte sich endlich einen, der nicht von Napoleon ausgesucht war: den General Bernadotte, der das noch heute regierende schwedische Königshaus begründete.

Annemarie Selinko hat dieses bewegte und bewegende Frauenleben in Tagebuchform nacherzählt. Martha Meuffels formte daraus ein Hörspiel, das unter Heinz Günther Stamms Regie vom Bayerischen Rundfunk geboten wurde. Die Sendung konnte beeindrucken durch die großen Qualitäten des personenreichen Ensembles, an dessen Spitze Namen wie Chariklia Baxeranos (Désirée Clary), Horst Frank (Napoleon), Paul Edwin Roth (Joseph Bonaparte) und Jürgen Goslar (Bernadotte) standen. Einem Bühnen-, Podium- oder Mikrophon-Napoleon kann man kaum etwas Besseres bescheinigen als einigermaßen historische Glaubwürdigkeit: hier war sie gegeben. An der menschlichen Charakter- und Milieuechtheit der übrigen Rollen blieb ohnehin kein Zweifel. So sei nur noch vermerkt, daß auch das von dem romanhaften "Tagebuch" her mehrfach drohende Kap des preiswerten Rühr-Effekts jedesmal elegant umsegelt wurde. A-th

Spannende Dokumentation

Um eine fernseheigene Form des historischen Dokumentarberichts bemüht sich mit großem Fleiß Artur Müller. Aus Stuttgart kam von ihm zum Datum des Sturms auf die Pariser Bastille – am Vorabend des französischen Nationalfeiertages – eine Schilderung der französischen Revolution. Nach den ersten fünf Minuten bekam ich Bedenken, ob diese Methode für jedermann erträglich sei: Vortrag nach den rekonstruierten, in Wirklichkeit erfundenen Erzählungen eines Zeitgenossen der Revolution (Nicolas Chamfort berichtet), dadurch kapitelweise Gliederung des Berichts und pausenlose Illustration des Gesprochenen durch historische Bilder, Zeichnungen und museale Manuskripte.

Es ging, es ging sogar reichlich eine Stunde lang und wurde immer spannender. Ich sah die Sendung in einer kleinstädtischen Bierkneipe, und ein Dutzend Einheimischer, denen das offensichtlich alles neu war, saß um mich herum. Keiner ging oder witzelte. Sie waren gefesselt und äußerten ihre innere Teilnahme. An Einzelheiten haben sie sicherlich wenig behalten. Das Ganze war auch nicht als Geschichtsunterricht zum Memorieren angelegt. Dennoch wurde die Dynamik der sich schließlich selbst erwürgenden Großen Revolution dem Zuschauer zum Erlebnis. Artur Müller, der ähnlich schon andere Themen behandelt hat, wird demnächst als Fortsetzung Napoleon zeigen. J.J.

Mut zu stummen Sekunden

Beobachtungen von Bühnendramaturgen haben ergeben, daß vom Theaterpublikum mehr und mehr das problematische, das nicht sofort durchschaubare Stück bevorzugt wird, Schauspiele also, die man sich mehrmals ansehen kann. Was dagegen "im einfachen Durchgang" ausgeschöpft ist und bei Wiederholungen langweilig wirkt, solche Stückfabrikate dürfte – sagen die Dramaturgen – das Theater ans Fernsehen verlieren. Umgekehrt ist mir schon mehrmals aufgefallen, – daß manche auf der Bühne banalen Schauspiele im Fernsehen an Dichte gewinnen – und dies nicht aus. Qualitätsgründen der Darstellung. Es waren in jedem Fall handwerklich gut gefügte Stücke jenes englisch-amerikanischen, psychologisch entwickelten Realismus. Warum sieht man derselben Handlung im Heimkino viel gespannter zu als im Theater?