Wer soviel Vorsprung wie die Amerikaner vor dem deutschen Fernsehen hat, von dem sollte man eine Antwort auf die Frage erwarten dürfen: Was ist ein Fernsehspiel? Film ist etwas anderes als Theater; aber das Fernsehen kann sich – mit Einschränkungen – beider Gattungen bedienen. Etwas Drittes daraus zu destillieren, stößt jedoch auf Schwierigkeiten. Was wir bisher an amerikanischen Fernsehspielen vorgesetzt bekamen, war enttäuschend. Vergleicht man, mit welcher Gründlichkeit amerikanische Dramatiker den europäischen Naturalismus im Theater nachholen und wie sie seine Technik selbständig mit den Themen ihres eigenen Lebens verbinden, dann darf man sich wundern, wie oberflächlich die uns bisher vermittelten amerikanischen Beispiele die Massenunterhaltung durch "Fernsehspiele" behandeln.

Aus einer Serie "Susie" mit Ann Sothern und Don Porter, von der es rund hundert Variationen geben soll, hat der Bayerische Fernsehfunk sechs erworben und den ersten Streifen in deutscher Synchronisation gezeigt. Er handelte von den typischen Beziehungen eines Bürochefs zu seiner Sekretärin und blendete mit derselben leichten Ironie das "Liebes"-Spiel ein, das sich zwischen demselben Mann als Theatermanager und einer Schauspielerin angesponnen hat. Der flotte Dialog wird durch optische Überraschungsmomente pointiert. Man bemerkt, wie das Ganze auf Distanz gestellt ist, fragt sich schließlich aber doch: Was soll’s? Vielleicht wird die Antwort durch die folgenden Stückchen gegeben, wie ja überhaupt der optische Fortsetzungsroman im Fernsehen möglich ist. Als Kammerspiel war die erste "Susie" jedenfalls so wenig originell, daß die Notwendigkeit des Imports nicht einzusehen war. Hinzu kommt nun auch im Fernsehen die leidige Sprachsynchronisation mit der Asynchronität der Lippen und die Peinlichkeit, daß im Bilde gezeigte Druckseiten und Schrift nicht deutsch, sondern englisch sind: Um das in Kauf zu nehmen, müßten Spiel oder Story viel bedeutender sein. – aco –