Bundespräsident Heuss, der vor einigen Tagen den 30. Internationalen PEN-Kongreß in Frankfurt eröffnete, hat beiläufig einen Satz gesprochen, der nachdenklich macht. Heuss sagte, er sei nicht ganz sicher, ob Goethe jemals Mitglied des PEN-Clubs geworden wäre, wenn es diese Institution zu seiner Zeit schon gegeben hätte. Goethe, so fuhr der Bundespräsident fort, habe nicht nur Sinn für das Gemeinschaftliche entwickelt, sondern auch für Distanz.

Seit dieser Ansprache des Bundespräsidenten sind schon einige Tage ins Land gezogen, einige Tage, in denen 500 Schriftsteller aus 38 Nationen geredet und diskutiert haben. Es sind bedeutende Leute dabei, wie wir den Tageszeitungen entnehmen können: André Chamson und Alberto Moravia, Erich Kästner und Heimito von Doderer. Dennoch habe ich in den bereitwillig von den Pressestellen herausgegebenen Informationsberichten noch keinen Satz gelesen, der so wichtig wäre, wie der eben zitierte.

Nun gibt es mehrere Gründe, warum Goethe dem PEN-Club wahrscheinlich nicht beigetreten wäre. Einmal weil ein solcher Club damals überflüssig gewesen wäre, da alle bedeutenden Geister sich kannten. Und ein bedeutender Geist war von vornherein in einen imaginären PEN-Club aufgenommen. Darum auch gab es wirkliche Tragödien, wenn ein Dichter hohen Niveaus in diese internationale Erlesenheit keinen Eingang fand; Heinrich von Kleist würde sich wahrscheinlich heute nicht zu Tode kränken, wenn der PEN-Club ihn verschmähte – die Anerkennung Goethes dagegen nicht zu besitzen war schlimm.

Das spricht nicht gegen den PEN-Club. Die Zeiten sind nun einmal so, daß selbst eine so erlesene Gemeinschaft sowohl etwas "Vereinsmäßiges" wie auch zugleich etwas "Publicity-Süchtiges" bekommt. Man weiß doch sehr gut, daß da, wo sich heute drei halbwegs bekannte Leute einfinden, vier Pressephotographen schon vorher zur Stelle sind. Dieses Phänomen ist es wohl, das Heuss ansprechen wollte, und es ist gut, daß er es angesprochen hat.

Noch schöner wäre es freilich gewesen, es auch von einem der verantwortlichen PEN-Club-Präsidenten zu hören. Man hätte dann besser gewußt, daß sich die bedeutenden Schriftsteller über das Mißliche von Dichtervereinigungen in unserer Zeit im klaren sind, daß sie den schweren und schmalen Mittelweg einhalten wollen zwischen der Sitzung eines etwas bedeutenderen Sportvereins und einer Show fürs Fernsehen. p. h.