In Genf haben die Westmächte erkannt: der Kreml will nicht

Von Marion Gräfin Dönhoff

Genf, im Juli

Was, Sie fahren nach Genf? Ach, da kömmt ja doch nichts heraus!" Wie oft hatte ich vor der Abreise diese Frage gehört. Merkwürdig: alle, die so sprachen, haben offenbar gar nicht recht verstanden, worum es sich in Genf handelt. Es ist ihnen nicht klar, daß alles, was herauskommen kann, zwangsläufig schlechter sein muß als das, was ist. Oder mit anderen Worten: daß der optimale Zustand eigentlich der wäre, daß alles beim alten bliebe – eben beim "lieben Status quo".

Aber dieses Unverständnis ist nicht unverständlich. Der Zustand eines geteilten Deutschlands und der geteilten Hauptstadt Berlin ist gewiß nicht so erfreulich, daß man frohlocken könnte, wenn er bestätigt würde. Und doch ist es so. Jedenfalls ist kaum anzunehmen, daß der Ausgang der zweiten Phase der Konferenz so glimpflich sein wird wie das Ende der Mai-Juni-Sitzung.

Eine andere Illusion (und diese ist nun wirklich unverständlich) läßt manche Leute glauben, man könne diese Konferenz, wie Willy Brandt und einige Politiker der SPD sich ausdrückten: "entberlinisieren". Als habe man nicht im ersten Teil der Konferenz vergeblich versucht, das Problem Berlin so fest in ein großes Paket einzuschnüren, daß niemand es isoliert herausziehen könnte! Bald aber hatte sich dann gezeigt, daß es ja gerade das "Berlin-Ultimatum" war, das die Viermächte und ihre beiden Beratergruppen nach Genf gebracht hat.

Als der erste Teil der Genfer Konferenz am 20. Juni beendet wurde, lagen zwei Entwürfe zu einer Interimslösung für Berlin vor, ein westlicher vom 16. Juni und ein östlicher vom 19. Juni. Beide unterschieden sich voneinander vor allem durch die vorgesehene Dauer: Der westliche Vorschlag sollte bis zur Wiedervereinigung oder einer neuen Vereinbarung dauern, der östliche war auf 18 Monate befristet. Die Frage der Frist stellt auch heute noch das entscheidende Problem der Interimslösung dar. Denn man kann sich leicht vorstellen, daß man bei einem solchen Verfahren von Interim zu Interim gleitet, das heißt, daß dem Berliner Bär die Krallen einzeln ausgerissen werden, bis er zu keinem Widerstand mehr fähig ist und langsam eingeht.