Von Walter Abendroth

Ein Buch, das 1938 in Deutschland erschien und heute wiedererscheinen kann, bedarf in jedem Falle besonderer Beachtung. Die publizistische Produktion "jener Jahre" war wohl doch nicht so eingleisig, wie die "schreckliche Vereinfachung" der Abrechnungszeit nach 1945 sie sehen wollte. Vielmehr spielte die zu Unrecht manchmal verspottete "innere Emigration" dabei eine bedeutende Rolle; mancher hat sie mit dem Verlust seiner Existenz oder mit dem Leben bezahlt.

Zu denen, die diesen letzten und höchsten Preis für den moralischen Protest bezahlten, gehörte auch Jochen Klepper, der Berliner Rundfunkredakteur, Dichter evangelischer Kirchenlieder und Historiker, der um einen großen Luther-Roman rang und dessen besondere Verehrung dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. galt. Jetzt also kam eine seiner bemerkenswertesten Arbeiten in zweiter Auflage heraus:

Jochen Klepper: "In Tormentis pinxit", Bilder und Briefe des Soldatenkönigs; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart; 150 S., 13,80 DM.

Es ist ein Musterbeispiel für die Form, in der sich geistiger Widerstand auch damals betätigen konnte.

Man wird sich erinnern, daß im "Dritten Reich" ebenfalls jener König, eben seines Beinamens "Soldatenkönig" wegen und mit einer polemischen Spitze gegen seinen Sohn vorzugsweise gerühmt wurde. Ihn also erwählte sich Jochen Klepper zum Gegenstand einer Studie, von der er sicher sein durfte, daß sie von den Kulturbonzen besonders aufmerksam gelesen werden würde, ebenso sicher aber, daß sie von allen Gegnern des Regimes richtig verstanden, als Trost und Ermutigung empfunden werden mußte. Das Buch lief nämlich auf den Nachweis hinaus, daß das "Soldatenkönigtum" nur eine Seite Friedrich Wilhelms war, der im übrigen als ein leuchtendes Vorbild von Sauberkeit, kindlicher leuchtendes Vorbild Bescheidenheit, stiller Leidensfähigkeit und tiefernstem Verantwortungsbewußtsein lebte – Inbegriff aller Herrschertugenden, deren genaues Gegenteil der "entfesselte Proleteus" und die Seinen vordemonstrierten.

Natürlich meinen wir nicht, Jochen Klepper habe allein aus tendenziöser Absicht sein Interesse auf diese merkwürdige Gestalt geworfen. Sie besaß für ihn vielmehr eine magische Anziehungskraft, die man nachempfinden kann, wenn man die feine seelische Analyse liest, die der Autor den ungeschickten, "in Qualen gemalten" und doch so seltsam ausdrucksstarken Pinseleien des gichtbrüchigen Königs angedeihen läßt, und im weiteren dessen eigene Briefe an den "Alten Dessauer", an seine Frau, seine Tochter, seinen Sohn, den Kronprinzen, um dessen Christenglauben er sich so rührend vergeblich bemühte.

Es ist auch in unseren Tagen noch lehrreich und stimmt nachdenklich, zu sehen, wie schwer sich einmal, große Regenten ihr Amt machten, in welchem sie "priesterliches Königtum" und königliches Priestertum" vereinigt wußten, und wie sehr sie es aus den Kräften menschlicher Substanz zu erfüllen trachteten.