Vot einem halb Jahr noch sah es ganz so aus, als seien die Tage seines politischen Wirkens gezählt. Kaum einer in Tokio räumte ihm große Chancen ein, das Frühjahr als Vorsitzender der Liberaldemokratischen Partei und damit als Regierungschef zu überleben. Aber inzwischen hat sich Japans Ministerpräsident Nobusuke Kishi wieder kräftig hochgerappelt, hat die innere Opposition in seiner cliquendurchsetzten konservativen Regierungspartei ausmanövriert und die parlamentarische Opposition der Sozialisten an die Wand gespielt.

Kishis Stellung als Parteivorsitzender ist im Augenblick unbestritten, und Japans extrem linksorientierte Sozialisten haben sowohl bei den Gemeindewahlen im Mai wie bei den Oberhauswahlen im Juni den kürzeren gezogen. In Ruhe konnte der Premier sein Kabinett umbilden und sich auf die vierte seiner politischen Auslandsreisen begeben, die ihn zum weltläufigsten Regierungschef machen, den Japan jemals besessen hat.

Letzte Woche, nach einem dreitägigen Aufenthalt in Großbritannien, traf der schmächtige Politiker aus dem Lande des Tenno in der Bundeshauptstadt ein. Bundeskanzler Adenauer, drei Minister und zwei Staatssekretäre empfingen ihn auf dem Flughafen Wahn. Preußischer Präsentiermarsch, Frontabschreiten, freundliche Begrüßungsworte, Empfänge im Palais Schaumburg und in der Villa Hammerschmidt – man wußte am Rhein, was man dem Ministerpräsidenten der führenden Industrie-Nation Asiens schuldig war, einem Mann zudem, der sich so eindeutig wie kaum ein japanischer Nachkriegspremier für Japans Verbleib im westlichen Lager und gegen eine Schaukelpolitik seines Landes zwischen Ost und West einsetzt.

"Uns ist jenes unbezahlbare Gut, die Freiheit, zuteil geworden", ist Kishis politisches Glaubensbekenntnis. "Wir werden uns unter keinen Umständen wieder davon trennen." Und vor kurzem erst erklärte er dem Reichstag in Tokio: "Im Bemühen um seine eigene Sicherheit wird Japan keine neutralistische Politik verfolgen, sondern eng mit den freien demokratischen Ländern zusammenarbeiten

Derlei Äußerungen sind für Ministerpräsident Kishi mehr als wohlgesetzte diplomatische Floskeln: sie wurzeln in der Überzeugung, daß Japan heute einen "Platz an der Sonne" nur an der Seite der nichtkommunistischen Völker finden kann – vor allem an der Seine der Vereinigten Staaten, von deren Rohstofflieferungen das Inselreich und seine wiedererstandene Wirtschaft abhängig sind. Es tut dem 62jährigen Politiker keinen Abbruch, wenn man hinzufügt, daß diese seine Überzeugung nicht aus moralischen Erwägungen, sondern aus einer höchst realistischen Einschätzung der Lage gespeist wird.

Gewiß, manche seiner Gegner versehen Kishis Realismus schlankweg mit dem schnöden Etikett Opportunismus. Sie täuschen sich freilich über die Natur des Premiers. Ein Opportunist ist der Sohn eines Spirituosenfabrikanten aus der Provinz Yamaguchi, der nach einem glanzvollen Jurastudium im Jahre 1920 die Kaiserliche Universität zu Tokio als Jahrgangsbester verließ, nie gewesen. "In der Politik kommt man am besten vorwärts, wenn man seine wahre Natur verbirgt", ist zwar seine Devise, und er mochte sie in den frühen Jahren seiner Karriere im Handelsministerium und später, 1936 bis 1939, im japanischen Marionetten-Königreich Mandschukuo auch ebenso getreulich befolgt haben, wie er das heute noch im parteiinternen Intrigenspiel zu tun pflegt. Aber das Vorwärtskommen geht ihm nicht über alles – sein Verhalten während des Krieges beweist es.

Es war im Juli 1944. Nobusuke Kishi, der im Oktober 1941 als Wirtschaftsminister in jenes Kabinett des Heißsporns Tojo berufen worden war, das den Krieg mit Amerika vom Zaune brach – er begehrte gegen eben die "mandschurische" Clique auf, der er seine Karriere verdankte. Ohne zu zögern, setzte er die Karriere aufs Spiel, als ihm klargeworden war, daß die Fortführung des Krieges sinnlos sei.