Auf der Hauptversammlung der IG-Farbenindustrie i. A. kam es wiederum zu einer sehr heftigen Opposition gegen die Liquidatoren. Es wurde ihnen Pessimismus vorgeworfen. Sie hätten Werte zu einer Zeit veräußert, in der ein Abwarten richtig gewesen wäre. Rückblickend ist dies natürlich leicht zu sagen. Will man aber zu einem sachlichen Urteil gelangen, dann muß man von der Aufgabe ausgehen, die den Liquidatoren gestellt war und ist. Es galt, den IG-Farben-Komplex zu entflechten und ihn in lebensfähige einzelne Unternehmen aufzuteilen. Es besteht kein Zweifel, daß diese Aufgabe gut gelöst ist. Die Auseinandersetzung geht auch allein um ein bei der Entflechtung verbliebenes Restvermögen, das mehr oder weniger aus ungeklärten und problematischen Posten bestand. Alle damals an der IG-Entflechtung beteiligten Stellen haben versucht, diese Position zu bewerten; dabei waren sie naturgemäß auf Schätzungen angewiesen. Als Höchstbetrag kam man dabei auf 135 Mill. DM. Er konnte nur erreicht werden, wenn die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland günstig verlief. Diese 135 Mill. DM wurden den alten Nachfolgegesellschaften als Kapitalausstattung zugesagt; naturgemäß unter dem Vorbehalt, daß sie auch zu erzielen waren.

Bei dieser Regelung tragen die Liquidatoren, wie dies dem Charakter ihres Amtes entspricht, auf zwei Schultern. Sie müssen an Eigentümer und Gläubiger denken. Ihnen obliegt die Pflicht, das Vermögen so schnell wie möglich zu Geld zu machen, um damit die Gläubiger, zu denen mit 135 Mill. DM nach den Entflechtungsbestimmungen auch die Farben-Nachfolger gehören, zu befriedigen. Selbstverständlich sollen dabei die Liquidatoren die Marktlage richtig beurteilen; sie dürfen keineWerte verschleudern. Andererseits dürfen sie aber auch nicht spekulieren; etwa, in der Erwartung auf eine Börsenhausse, so wie sie jetzt eingetreten ist. Dies wäre ein Glücksspiel mit fremden Geldern. Es heißt also, die Situation völlig zu verkennen, wenn man im Zusammenhang mit der Liquidation von Pessimismus oder Optimismus spricht. Den Liquidatoren ist nicht die Aufgabe gestellt, mit den Pfunden des toten Unternehmens zu wuchern, sondern sie möglichst schnell den lebenden Wirtschaftsunternehmen, oder, sofern ein Rest verbleibt, den alten Aktionären auszuhändigen.

Das sind Binsenwahrheiten; sie wurden von den Sprechern der Opposition – einerlei, ob es sich um rechtsgelehrte Herren oder um Mitläufer handelt, nicht anerkannt. Deshalb haben die Parteien ständig aneinander vorbeigeredet, und zwar nicht nur in der Hauptversammlung, sondern auch in den vorangegangenen Wochen und Monaten, in denen die Verwaltung bemüht war, mit dem Sprecher der Opposition, Rechtsanwalt Gordan, in ein Vertrauensverhältnis zu gelangen. Dies hätte vorausgesetzt, daß über die allgemeinen Grundsätze der Geschäftspolitik der Liquidatoren Übereinstimmung bestand, so daß man das Gespräch auf die einzelnen Liquidationsfälle, die wirklich zahlreich und problematisch sind, beschränkt. Dazu ist es nicht gekommen, vielmehr verblieb es, wie Liquidator Dr. Schmidt sagte, bei einer Opposition der Binsenwahrheiten. Der Leiter der Hauptversammlung und stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrates der IG i. A., Bankier Dr. Zahn, Düsseldorf, drückte sich noch schärfer aus. Er sagte, er habe, als die Frage aufkam, ob man Rechtsanwalt Gordan in den Aufsichtsrat wählen sollte, sehr gewissenhaft alle seine Äußerungen und Stellungnahmen studiert und sei dabei zu dem Ergebnis gekommen, daß er einem solchen Amt persönlich nicht gewachsen sei.

Tatsächlich gewann der Berichterstatter den Eindruck, daß der Streit nicht mehr um sachliche Fragen, sondern um persönliche Wertschätzungen ging. Es kam zu Tumult-Szenen, die mehr an politische Versammlungen erinnerten als an eine geschäftliche Auseinandersetzung. Es ist deshalb auch nicht erstaunlich, daß aus den Reihen der Hauptversammlung zahlreiche Sprecher (so auch die der Schutzvereinigung) der Verwaltung zur Seite sprangen und daß dabei auch Vertreter von Großbanken aus ihrer Reserve herausgingen, mit dem Ergebnis, daß die Opposition, die zeitweise das Feld der Hauptversammlung zu beherrschen schien, zum Schluß nicht einmal 7 v. H. der vertretenen Stimmen hinter sich zu bringen vermochte. – eb