Von Ludwig Marcuse

Als ich mein Abitur machte, am Friedrichs-Werderschen Gymnasium in Berlin, hatte ich wohl noch nie die Namen Demokrit, Augustin, Leibniz und Hegel gehört. Wahrscheinlich hatte ich einmal, bei irgendeiner Festrede in der Aula, Platons Höhlen-Gleichnis aufgeschnappt; und höchstwahrscheinlich hatte irgendein markigmärkischer Leutnant der Reserve, der bei bescheideneren Anlässen unser Deutschlehrer war, an Kaisers Geburtstag oder bei der Sedan-Feier über das "Moralische Gewissen in mir" und den "Gestirnten Himmel über mir" gepredigt. Im übrigen philosophierten wir einfach so daher, ganz ohne "Spielregeln".

Das änderte sich bald danach. In den Zwanzigern drangen wenigstens die toten Philosophen in die Schulräume ein, mit nicht allzu überwältigendem Erfolg. Offenbar gab es Gründe, weshalb sich die Philosophie in den Höheren Schulen nicht recht einnisten konnte. Es wäre gut, sie zu untersuchen, da man sich heute von neuem anschickt, Philosophen und Primaner zusammenzubringen.

In Nordrhein-Westfalen, in Schleswig-Holstein, in Hessen ist man bereits dabei, neue Versuche zu machen. Der hessische Kultusminister hat eine lange Reihe von zeitgenössischen Denkern zur Schullektüre empfohlen: zum Beispiel Max Scheler und Martin Buber. Seit 1956 gibt es einen "Verband zur Förderung der Philosophie an deutschen Gymnasien", der seine Angelegenheit energisch vorwärtstreibt. Das Experiment, das in den Zwanzigern danebengegangen ist, wird repetiert.

Ich verdanke die Kenntnis dieser Tatsachen Willy Hochkeppel, der im Bayrischen Rundfunk eine Mahnrede zugunsten der philosophierenden Primaner hielt. Er weist darauf hin, wie weit Frankreich und Italien in dieser Beziehung bereits sind ... Der unausgesprochene Schluß lautet: Und wir Dichter und Denker sollten zurückstehen! Aber vor allem spielte er ein Atout aus: "Die jüngsten Schulreformen in der Sowjetunion und auch in Amerika wollen aus der Höheren Schule eine naturwissenschaftliche Zuchtanstalt machen." Wer kann sich da der Folgerung verschließen, daß die Deutschen im Bunde mit Aristoteles und seinen Kollegen dieser Barbarei entgegenzuwirken haben. Und lacht nicht jedes europäische Herz, wenn es gilt, gegen die russisch-amerikanische Unkultur zu Felde zu ziehen (natürlich strikt metaphorisch)?

Propagandistisch ist dies Argument ganz wirksam. Nur trifft der Seitenhieb die Zwillinge Rußland und Amerika leider nicht. Mir scheint, daß in Rußland eher zuviel als zuwenig philosophiert wird. Da werden ja die Babies schon dialektisch erzeugt und kommen dann als Synthese zur Welt. Und was Amerika angeht, so gibt es hier unter der Führung von Robert Hutchins und Mortimer Adler viele einflußreiche Pädagogen, die am liebsten der ganzen Nation die Philosophie zwangsweise auferlegen würden ... Aber vielleicht wäre die Primaner-Philosophie in Deutschland sogar dann gut, wenn es sie in Rußland und Amerika auch gäbe?

Ich habe mir immer vorgestellt, daß man im Zusammenhang mit Eichendorffs Lyrik ästhetische Fragen, daß man während des Geschichtsunterrichts Geschichtsphilosophisches und in den Fächern Botanik, Physik und Chemie erkenntnistheoretische Probleme sichtbar machen kann. Ohne großen Lärm! Deshalb sollte die Primaner-Philosophie als ein Doppelproblem diskutiert werden: ob sie wirklich nötig ist; und: wie sie durchgeführt werden soll, falls sie nicht mehr aufzuhalten ist. Ich bin ein Pessimist. Wir sollten nur noch darüber sprechen, wie das Schlimmste vermieden werden und was bestenfalls ertragreich sein kann.