Die Salzburger rüsten sich zu ihren Festspielen in "Furcht und Hoffnung". Die Furcht, weil dann wieder einmal ihre freundlich provinzielle Stadt für Wochen durch anspruchsvolle Gäste aus der ganzen Welt blockiert sein wird: Die warme Luft wird schwirren von nachdrücklichen annoncierten großen Namen; die Straßen der Innenstadt werden für den normalen Verkehr gesperrt sein; die Schwarzmarkt-Preise für die Veranstaltungen mit den internationalen Stars werden womöglich so übertrieben sein, daß der Durchschnitt der Einheimischen sich nur als Zaungast und bestenfalls Logenschließer im eigenen Hause vorkommen wird. Übrigens ist das für einen beträchtlichen Teil der festspielbeflissenen Hautevolee aus aller Herren Länder auch mehr oder weniger der Rang, der nach ihrer Ansicht den Einheimischen Salzburgs zukommt.

Die Hoffnung aber sagt manchem Salzburger, daß es jetzt an der Zeit sei, dem tausendfältigen Schwann der Gäste mit österreichischem Charme ein wenig das Fell über die Ohren zu ziehen. Wenn schon die Altstadt durch den vorläufig überaus scheußlich anmutenden Hochbunker aus Zement, der das neue Festspielhaus abgeben soll, nolens volens verballhornt wird (wie die weit den Voranschlag übersteigenden Kosten auszubringen sein werden, weiß ohnehin unter dem keineswegs sorglos blauen Himmel der Stadt kein Mensch) – ja, dann sollen die Leute, die "Karajan, Karajan, Karajan" jubilieren wollen, auch kräftig Geld in der Stadt zurücklassen, ehe sie die engen Gassen auf beiden Ufern der Salzach wieder ihrem durchaus emsigen Alltag überantworten.

Aber es ist müßig, dergleichen zu beklagen; Snobs sind bei internationalen Veranstaltungen wie den großen Salzburger Festspielen unvermeidlich. Und wer wollte schließlich leugnen, daß man auch ohne teure Appartements in den Luxus-Hotels die Festspiele genießen kann, wenn man sich nur ein wenig Mühe gibt, den schlimmsten Trubel zu umgehen. Dafür mag man die Leute da auf dem Podium als das nehmen, was sie neben aller Allzumenschlichkeit wirklich sind: mit Recht hochbezahlte große Künstler, die ihre schwer erworbene Meisterschaft durch das Medium mozartischer oder beethovenscher Kompositionen stets von neuem und gegen nie endende Konkurrenz zu beweisen haben.

Aber – und damit taucht eine Frage auf, die manchen allerbesten Salzburger schon seit vielen Jahren nicht schlafen ließ – ist mit diesem zu einem gewaltigen Apparat angewachsenen, zu einer zwar lukrativen, aber zugleich auch bedrückenden Kunst-Schau aufgewucherten Festspielzeit der Sinn der kleinen, schimmernden Stadt und ihrer Vergangenheit angemessen verwirklicht?

Seit zwei. Jahren haben sich einige unternehmende Salzburger zusammengetan – von dem tatkräftigen Wohlwollen der Spitzen der Behörden Salzburgs und des Salzburger Landes unterstützt –, um sozusagen in aller Stille, "nur für die wahren Liebhaber der klassischen Musik" den großen für die ganze Welt bestimmten Festspielen eine kleine "heimliche" Festspielzeit entgegenzustellen, die der Kammermusik gewidmet ist.

Langsam beginnt es sich herumzusprechen: Wer um der Musik willen nach Salzburg fahren will und nicht, um gesehen zu werden und an einem großen gesellschaftlichen Ereignis teilgenommen zu haben, der läßt sich rechtzeitig für die "kleinen" Festspiele, den "Musikalischen Frühling in Salzburg" einschreiben. Die Direktion sitzt in Salzburg am Makartplatz Nr. 9. Aus einem sehr einfachen Grunde können diese kleinen Festspiele, die in der zweiten Maihälfte stattfinden, niemals zu einem Ereignis werden, bei dem der einzelne Teilnehmer in der Masse der Gäste ertrinkt und zu einer bloßen Nummer in der allzu großen Schar herabsinkt: Während des "Musikalischen Frühlings" werden alle die Stücke, die auf dem Programm stehen, stets in Sälen oder Sälchen aufgeführt, die dem Komponisten als angemessen vorschwebten, als er seine Suite, sein Divertimento, sein Quartett oder Trio oder Quintett, seine Serenade oder seine Cassation entwarf. Und der Ritter- oder der Konferenzsaal der Salzburger Residenz, die "Goldene Stube" der Burg, der Marmorsaal des Mirabellschlosses, das Tanzmeistersälchen des Mozarthauses – sie fassen gar nicht mehr als zwei- oder allerhöchstens dreihundert Menschen. Die Mozart’sche "Krönungsmesse" wird natürlich in der Wallfahrtsbasilika Maria Plain gesungen, für die sie ursprünglich geschrieben worden ist– und der Herr Ortspfarrer begrüßt seine Gäste ebenso freundlich wie klug. Um die kleinen Rokoko-Opern zu hören, wandert man in den Park von Frohnau.

Selbst wenn im Garten des Mirabellschlosses am Pegasus-Brunnen etwa die ganz vorzüglichen Prager Bläser-Professoren ein Haydn’sches Oktett oder eine Serenade von Mozart spielen – der Mond schimmert auf den Nüstern und dem Schweif des Pferdes, und die ferne Burg, hell angestrahlt vor dem samtschwarzen Nachthimmel, spielt fernen Hintergrund und Kulisse –, ja, selbst bei den Gartenkonzerten sind nur zwei- oder dreihundert Zuhörer möglich, denn wer wollte sich auf dem Rasen oder zwischen den Blumenrabatten niederlassen? Auch reicht unter; dem hohen Himmel der Klang der Instrumente nicht sehr weit, wenn Piano vorgeschrieben ist und die Waldhörner sich mäßigen.