Kenner reisen im Herbst – dieser Satz wird von erfahrenen Touristen seit altersher (jedenfalls seit dem Beginn der modernen Vergnügungs-Reisetätigkeit) überliefert. Freilich, wer ihn zitiert, der sollte nicht zögern, sogleich hinzuzufügen: sofern die Reiselustigen sich genügend Geld für den Urlaub gespart haben. Denn ein Urlaub im Herbst bedeutet zumeist doch dies: eine weite Fahrt in den Süden. Nur im Süden kann man ja um diese Zeit mit Gewißheit jenes Quantum an Sonne finden, das nun einmal für die meisten in unseren Breiten zu einem richtigen Urlaub unbedingt gehört.

Herbstreisen für reiche Leute also? So ganz falsch wäre dieser Titel nicht für die Routen, die so verlockend auf den Prospekten eingezeichnet sind, die vor mir auf dem Schreibtisch ausgebreitet liegen.

Da sticht denn also in Hamburg – und damit nehme ich den ersten Prospekt zur Hand – Anfang September ein schönes weißes Schiff in See und wird bis Mitte November in den westafrikanischen Gewässern, im östlichen Mittelmeer und im Schwarzen Meer kreuzen. Es wird dabei so viele Häfen mit klangvollen Namen anlaufen, daß selbst die Phantasie des erfahrenen Globetrotters dieses Gemisch aus Abenteuerlust, landschaftlicher Schönheit und aus Weite kaum zu einem einzigen Bilde zusammenfügen kann. Die Reederei, die Hamburg-Amerika Linie, hat gut daran getan, diese große Herbstfahrt der "Ariadne" in vier Reisen zu unterteilen.

Vom 3. bis zum 19. September trägt dieses 7500 Bruttoregistertonnen große Schiff seine "Passagiermannschaft" sechzehn Tage lang über eine Strecke von über 7000 Kilometern durch den Atlantik und das westliche Mittelmeer. Lissabon, Das Palmas, Casablanca – ach, ich werde darauf verzichten müssen, all die Orte zu nennen, auf daß in diesem Bericht außer klangvollen Namen auch noch etwas anderes stehen kann.

Schluß also mit dieser Reise, schnell die Passagiere in Genua von Bord und weiter mit neuer Fracht: Zur Griechenland-Türkei-Schwarzmeer-Fahrt. Sie beginnt am 20. September, und wieder sind es sechzehn Tage, während deren sozusagen pausenlos die Kulissen gewechselt werden. Wenn die "Ariadne" den Hafen von Istanbul verlassen hat, dann beginnt für dieses Schiff, das doch schon 10 viele Meere und Länder gesehen hat, eine Fahrt in unbekannte Zonen. Ich könnte mir denken, daß dann sogar der Smuttje, dem "fashiohable" Touristenziele so bekannt sind wie uns die Ausflugslokale rund um unsere Stadt, den Kopf glegentlich aus dem Bullauge stecken wird. falta heißt der nächste Hafen. Und wenn dieser Name noch eher die Erinnerung an die Politik wach ruft als Gedanken an die Sommerfrische, so weiß doch jeder, daß in Sotschi – dies ist das nächste Ziel – sogar Nikita Chruschtschow seinen Urlaub verbringt.

Bevor wir – in Gedanken Passagiere der "Ariadne" – nach Suchum im Kaukasus, nach Mudania in der Türkei fahren, sei noch schnell gesagt, was für alle Orte gilt, die hier erwähnt und die hier nicht erwähnt sind: Es bleibt nicht bei einem schnellen Blick auf den Hafen und die Stadt, sondern es ist fast immer die Möglichkeit zu weiten und interessanten Landausflügen gegeben.

Wieder sind, am 6. Oktober, die Passagiere von Bord gegangen, und schon beginnt in Venedig im nächsten Tag die neue Reise, die Orientfahrt. Sie dauert bis zum 25. Oktober, und wer an ihr teilnimmt, wird nicht nur Athen, Istanbul, Kairo und Beirut im Libanon sehen, sondern dabei sein, wenn die "Ariadne" zum ersten Male an der Reede von Haifa in Israel vor Anker geht. Die Reise endet in Genua.