F. K., New York,im Juli

Über 500 000 Arbeiter der amerikanischen Stahlindustrie befinden sich seit 15. Juli im Streik. Die beiden Parteien sind sich im Laufe der letzten 15 Tage nicht im geringsten nähergekommen. Im Gegenteil: die Spannungen zwischen ihnen haben sich eher noch verschärft.

Präsident Eisenhower hat unmittelbar nach Bekanntgabe des Streikbeschlusses in einer allgemeinen Pressekonferenz seiner "Enttäuschung und Erbitterung" über das Scheitern der Verhandlungen Ausdruck gegeben. Die Tatsache, daß der Streik nun in Gange ist – bemerkte er –, enthebt allerdings keine der Parteien, von ihrer Verantwortung, eine Beilegung des Arbeitskonfliktes anzustreben und ohne Unterbrechung weiter zu verhandeln. Der Präsident hat denn auch zu diesem Zweck Joseph F. Finnegan, den Direktor des "Federal Mediation and Conciliation Service" sofort angewiesen, den Kontakt mit beiden Parteien aufzunehmen und diesen bei der Schlichtung ihres Streits beizustehen.

Nach den ersten mehrstündigen Aussprachen mit Mr. Cooper, dem Leiter der Verhandlungsdelegation der Stahlproduzenten, sowie mit Gewerkschaftsführer McDonald, ist Finnegan allerdings zum Schluß gekommen, daß eine rascheBeilegung des Stahlstreiks höchst unwahrscheinlich ist. Selbst Finnegan rechnet mit einer mehrwöchigen Stillegung.

In Anbetracht der verhängnisvollen Konsequenzen eines verlängerten. Streiks (der die amerikanische Volkswirtschaft täglich gegen die 80 Millionen Dollar kostet) fragt es sich, ob und wie lange die Regierung dem Prinzip der kollektiven Verhandlungsfreiheit" Folge leisten wird, nach welchem die Verhandlungsparteien das Recht haben, ihre arbeitsvertraglichen Auseinandersetzungen ohne Einmischung des Staates selber auszufechten.

Die Regierung kann nämlich auf Grund des "Taft-Hartley-Act" eine zwangsmäßige Wiederaufnahme der Arbeit für eine Zeitperiode von 80 Tagen anordnen, aber nur wenn die "gesamtwirtschaftlichen Interessen und die nationale Sicherheit" es erfordern. Diese Voraussetzung ist – nach der Ansicht von Präsident Eisenhower – im Augenblick noch nicht gegeben.

Es wird im allgemeinen angenommen, daß dieRegierung mit einer Intervention warten wird, bis die Versorgungslage der stahlverbrauchenden Industrien so prekär geworden ist, daß sich die Folgen der Arbeitsniederlegung in der Stahlindustrie auch in den nachgelagerten Branchen bemerkbar machen und sozusagen die gesamte Wirtschaft lahmzulegen drohen.

Die stahlverbrauchenden Industrien haben im letzten Halbjahr gerade im Hinblick auf die Möglichkeit eines Stahlstreiks ihre Vorräte überdurchschnittlich erhöht. Die gesamten Lager sind zwar um rund 4 Millionen Tonnen niedriger als vorAusbruch des letzten Stahlstreiks im Jahre 1956. Mit über 20 Millionen Tonnen sollten sie jedoch genügen, um eine uneingeschränkte Produktion während etwa dreier Monate zu gewährleisten. Die Lager sind allerdings sehr ungleich verteilt. M. Rüdiger, der Vorsitzende des "Stele Committee of the National Association of Purchasing Agents" rechnet damit, daß zahlreiche stahlverbrauchende Industrien die Folgen des Streiks bereits nach 4–6 Wochen verspüren werden, und daß rund 50 v. H. aller Stahlverbraucher ihre Lager innerhalb von 60 Tagen werden aufgebraucht haben. Der Termin für eine allfällige Intervention der Regierung dürfte somit feststehen.