Von Theodor Eschenburg

Die 42. Delegierten-Konferenz des Verbandes Deutscher Studenten hat in Würzburg beschlossen, den nächsten Studententag nicht unter das Thema "Der Student und die Wiedervereinigung" zu stellen, sondern sich statt dessen mit der Frage der kulturpolitischen Verantwortung der Studenten zu beschäftigen. Der Beschluß bringt zugleich die Ablehnung der Veranstaltung politischer Studententage überhaupt zum Ausdruck.

In der Öffentlichkeit ist dieser Beschluß auf scharfe Kritik gestoßen. Die Studentenschaften, so stand es in vielen Kommentaren zu lesen, müßten sich als wesentlicher integrierender Bestandteil unseres Staates zu politischen Fragen umfassend, öffentlich und verantwortungsbewußt äußern. Diese Kritik freilich zielt am Kern des Problems vorbei.

Die Studentenschaften an den Hochschulen sind ja keine freien Vereinigungen, in die eintreten kann, wer will, und aus denen jeder wieder ausscheiden kann, wann es ihm . beliebt. Sie sind vielmehr Zwangsorganisationen wie auch die Industrie- und Handelskammer, die Ärzte- oder Anwaltskammer. Jeder immatrikulierte Student ist Pflichtmitglied seiner Hochschule, und er muß mit seiner Hochschulgebühr den Pflichtbeitrag für die Studentenschaft entrichten.

Für Zwangsverbände dieser Art aber ergibt sich geradezu die Pflicht, sich der Diskussion politischer Streitfragen zu enthalten. Politische Meinungsfreiheit kann es nur in Verbänden geben, wo Eintritts- und Austrittsfreiheit besteht.

Über die Wiedervereinigung sollte der Studententag also ursprünglich diskutieren. Das Ziel ist unumstritten, über den Weg dazu besteht indes keine Einmütigkeit. Und in einer ernsthaften Diskussion über die Wiedervereinigung wäre das Ziel vom Verfahren nicht zu trennen.

Wohl wäre eine Kundgebung, eine bloße Demonstration möglich gewesen. Dies jedoch haben die Studenten nicht gewollt. Die heutige Jugend ist phrasenfeindlich, sie meidet Kundgebungen nach Möglichkeit – und das spricht nur für sie. Die Auseinandersetzung über das Verfahren aber hätte im Widerspruch zum Charakter der Pflichtorganisation gestanden.