R. N., London, Ende Juli

Trotz den kürzlich um die Kernwaffen entstandenen Meinungsverschiedenheiten in der Labour-Partei wird man sich hüten müssen, die Aussichten der Sozialisten, aus den (wahrscheinlich zum 15. oder 22. Oktober bevorstehenden) Unterhauswahlen als Sieger hervorzugehen, zu unterschätzen. In der Londoner City glaubt man natürlich, mit einem erneuten Mandat für die Konservativen rechnen zu dürfen. Und in der Tat mag es nicht leicht sein, das Tory-Regime zu entthronen.

Wenn die Regierung sich in letzter Zeit auch kaum irgendwelche Verdienste hat erwerben können, die der breiten Masse deutlich bewußt geworden wären, so vermochte sie wirtschaftspolitisch doch von der Gunst weltweiter Entwicklungen zu profitieren und einen im großen und ganzen recht befriedigenden Kurs zu steuern. Erstmals seit der Vorkriegszeit stehen in Großbritannien seit zwölf Monaten die Preise still. Mit dem Vorstoß in die Ausländerkonvertierbarkeit ist das Pfund in seiner Funktion als Weltzahlungsmittel rehabilitiert worden. Nachdem man im vergangenen Jahr einige konjunkturelle Rückschläge hatte einstecken müssen, beginnt sich die heimische Geschäftstätigkeit auf schmaler Front wieder langsam zu erholen.

Auf der anderen Seite zeigen die Briten aber schon seit längerem eine instinktive Neigung zur politischen Linken oder jedenfalls doch zum Radikalismus jener pseudo-liberalen Gruppe um Mr. Gaitskell. In der Tat sind es in den Nachkriegswahlen immer nur wenige hunderttausend Stimmen gewesen, die den Ausschlag gaben; begreiflicherweise ist deshalb die City in ihrer Voraussage auch keineswegs schon sicher genug, um sich jenes Gefühls der Ungewißheit erwehren zu können, das der Stimmung für gewöhnlich schwerer zu schaffen macht als eine schlechte Nachricht. Nachdem die Aktienkurse im Financial Times-Index noch vor zehn Tagen auf neue absolute Höhen geklettert waren, tendieren sie seither trotz deutlicher Wallstreet-Erholung schwach und sogar betont nach unten. Die Spekulation nimmt die Gewinne mit. Ganz allgemein ist man plötzlich auf Konsolidierung und auf die bestmögliche Abdeckung des "politischen Risikos" bedacht.

Nach amerikanischen Erfahrungen dürfte die von den Sozialisten angedrohte Kapitalgewinnsteuer als Kursfaktor zwar nur vorübergehend und kurzfristig wirksam sein. Zudem muß es als einigermaßen fraglich gelten, daß Labour sich weiterhin zur Dividendenbeschränkung verpflichtet fühlen wird. Die Sozialisierung der Produktionsmittel soll künftighin durch staatlichen Aktienerwerb betrieben werden; und interessant ist eine solche Beteiligung für den Staat vor allem natürlich dort, wo recht großzügig ausgeschüttet wird. Darüber hinaus dürfte ein von einem sozialistischen Wahlsieg ausgelöster Kurseinbruch allein schon deshalb kaum auf krisenhafte Ausmaße anwachsen, weil damit zu rechnen ist, daß eine Labour-Regierung durch die Rückkehr zur Politik des billigen Geldes für einen neuen Auftrieb sorgen wird.

Dennoch verbindet sich weithin in der City mit dem Gedanken an ein mögliches Come-back der Sozialisten ausgesprochenes Unbehagen. Wer an der Börse nicht liquidiert, der weicht langsam in weniger gefährdete Marktbereiche aus. Belebt hat, sich dadurch auch, vornehmlich unter den institutionellen Anlegern, das Interesse für Dollar-Bonds, so daß jetzt erstmals seit mehr als sieben Monaten wieder Prämien auf die New Yorker Parität bezahlt werden müssen.

Dies übrigens um so mehr, als US-Bonds inzwischen eine sehr attraktive Verzinsung bieten. Wie in Vorkriegszeiten ist kurzfristiges Geld in London billiger als in New York. Darüber hinaus verkehrt der Dollar schwach. Mit einem vorübergehenden Ausweichen nach USA ist also kaum ein Kursrisiko verbunden.