Die deutschen Börsen haben wieder ein spekulierendes Publikum. Ein Teil der Bankenkundschaft erwirbt Aktien nicht mehr allein aus Anlagegründen, sondern durchaus mit der Absicht, am Auf und Ab der Kurse Geld zu verdienen. Die Spekulation ist heute an den Börsen schon so stark, daß sie die "Tendenz machen kann". Allerdings ist dies nur angesichts der Marktenge möglich, mit der sich der Wertpapierhandel tagtäglich herumzuschlagen hat.

Zu Beginn dieser Woche lebte die Kaufneigung der spekulierenden Bankenkundschaft wieder auf; einmal war sie angeregt durch die diversen "Tips" der sogenannten Informationsdienste, zum anderen wertete man die Wiederholung der amerikanischen Garantieerklärung für Berlin positiv, außerdem wurde die Genfer Atmosphäre als "entspannter" beurteilt. Das sind alles Faktoren, die für eine kurzfristige Wertpapieranlage von Bedeutung sein mögen; für den langfristigen Erwerb spielen sie dagegen kaum eine Rolle.

Nutznießer der neuen Käufe waren alle jenen Werte, die in der vergangenen Woche rückläufig gewesen sind, besonders die Montane und IG-Farben-Nachfolger. Das Aufleben der Hausse zeigt, daß die Mittel, die für den Aktienmarkt bereitgehalten werden, immer noch nicht verbraucht sind. Im Gegenteil, ein großer Kundenkreis hat sich durch die ständigen Mahnungen der Banken vor zu hohen Kursen veranlaßt gefühlt, Positionslösungen vorzunehmen. Diese Leute warten natürlich jetzt darauf, wieder billiger einsteigen zu können. Sie bilden einen wirksamen Schutz gegen eine wirklich einschneidende Abwärtsbewegung.

Das Ausland hielt sich an den deutschen Börsen weiterhin zurück. Die jetzt bekanntgewordenen Zahlen über die Beteiligung der Ausländer an den deutschen Wertpapierkäufen bestätigen überdies, daß man über ihre Aktivität offensichtlich übertriebene Vorstellungen hatte. Selbst die ausländischen Investment-Trusts scheuen sich, deutsche Aktien zu erwerben, weil die Marktenge einen günstigen Einkauf verhindert. Sicher ist jedoch, daß die innereuropäischen Börsenverflechtungen Fortschritte machen und sich dadurch der Markt verbreitern wird. Wichtig ist dabei ein Abbau der bürokratischen Schranken, denn das, was sich hinter den Kulissen der Pariser Börse in den letzten Wochen im Zusammenhang mit der Zulassung von Siemens, BASF, Rheinstahl und Farbwerke Hoechst abgespielt hat, nahm mancher Gesellschaft die Lust, sich um die Einführung in Paris zu bemühen. Wenn es diesmal anläßlich der Zulassung dieser Papiere in Frankreich keine hausseartigen Erscheinungen gab, dann lag es daran, daß man ausreichend Material für die Einführung zur Verfügung gestellt und sich außerdem das Schlagwort "Börseneinführung in Paris" bereits zu sehr abgenutzt hatte, um noch anregend sein zu können. Eine Ausnahme bildeten die Siemens-Aktien, denn im Zusammenhang mit einer kleinen Kapitalerhöhung (unter Ausschluß des Bezugsrechts der Aktionäre) wurde betont, daß die so gewonnenen Aktien für die Börseneinführung an europäischen Plätzen bereitgestellt werden sollten. Siemens will sich offenbar mit Paris nicht zufriedengeben.

Ein zähes Ringen hat um die Kurse der Bankaktien eingesetzt. Den Vorständen sind die hohen Kurse keinesfalls recht; sie fürchten die Unruhe, die entsteht, wenn es einmal nach unten gehen sollte. Andererseits wird auch in diesen Kreisen nicht geleugnet, daß – namentlich in den Wertpapierbeständen – erhebliche stille Reserven gebildet werden konnten, die zwar nicht frei von Problematik sind, aber doch ein Gefühl von Sicherheit verleihen. Überdies verfügen die Banken über große offene Rücklagen, die wohl kaum eines Tages Zusatzaktien werden dürften, aber nichtsdestoweniger kursmäßig zu berücksichtigen sind. Daß die Banken im laufenden Jahr gut verdienen, braucht nicht besonders betont zu werden. Die Börse rechnet überdies mit Kapitalerhöhungen im nächsten Frühjahr. In dieser Auffassung läßt sie sich auch von Verwaltungsdementis nicht beeindrucken; Dementis, die allerdings wohl nur für die nächsten Monate Gültigkeit haben.

Kurt Wendt