Jac, Bayreuth

in in großer Kummer der Bayreuther ist die Abwesenheit des Bundespräsidenten bei den Wagner-Festspielen. Als Professor Heuss sich vor kurzem auf einer Fahrt von Bonn nach Regensburg auf der unweit von Bayreuth gelegenen Naturbühne „Luisenburg“ eine Nachmittagsvorstellung von Raimunds „Verschwender“ ansah, da wurde er auch auf die Bayreuther Festspiele angesprochen.

Der Bundespräsident irrte sich, als er dabei äußerte, Bayreuth habe sich an seine Absagen inzwischen wohl gewöhnt. „Für mich bleibt Bayreuth stets die Stadt Jean Pauls“, erklärte er, und als ihm der Vorsitzende der Jean-Paul-Gesellschaft aus Bayreuth seltene Literatur über diesen Dichter im Rathaus von Jean Pauls Geburtsstadt Wunsiedel überreichte, scherzte der Bundespräsident: „Der kommt aus Bayreuth und bringt nichts von Wagner mit.“

Bei einem Imbiß sagte der gutgelaunte Raimund-Verehrer zum Luisenburg-Intendanten Friedrich Siems: „Ich kann mir schon denken, daß die Bayreuther auf mich böse sind, weil ich nicht zu ihnen komme. Ich bin auf das Grundgesetz vereidigt, und im Grundgesetz steht nichts von Richard Wagner.“

Dieses Bekenntnis gegen Richard Wagner ist dem Bundespräsidenten von der Gesellschaft „Freunde von Bayreuth“ so übelgenommen worden, daß deren Vizepräsident Dr. Konrad Pöhner auf der offiziellen Jahrestagung den erstaunlichen Wunsch formulierte: „Ich habe begründete Hoffnung, daß in Bonn mit dem Thronwechsel auch ein Gesinnungswechsel eintritt.“

Obwohl Dr. Pöhner behauptete, er „respektiere“ die rein persönlichen Entscheidungen von Professor Heuss, bedauerte er es, daß der Bundespräsident „kaum eine Gelegenheit vorübergehen läßt, ohne daß er dem Festspielgeschehen Bayreuths einen kleinen Seitenhieb versetzt.“ Was wollen die Bayreuther vom Bundespräsidenten? Dazu Dr. Pöhner: „Er sollte durch seine wenigstens einmalige Anwesenheit bekunden, daß auch Bayreuth und das Werk Richard Wagners zu den großen Kulturgütern gehören, die die ganze Welt den Deutschen verdanken.“

Wie man in diesen Kreisen über Repräsentation denkt, dazu lieferte der Präsident des Förderer-Vereins, Dr. Franz Hilger, eine bezeichnende Ergänzung. Er verwies auf den alten Kaiser Wilhelm, der zwar nicht musisch begabt gewesen sei, es dennoch für seine Aufgabe gehalten habe, wenigstens einmal nach Bayreuth zu kommen. Allerdings habe er sich dafür das kürzeste Werk, das „Rheingold“, ausgesucht...