In einem berühmt gewordenen Buch über James Joyce prägte der amerikanische Literaturhistoriker Harry Levin ein vielzitiertes Wort. Der „Ulysses“, schrieb er, sei „a novel to end all novels“: Das letzte Wort in der Geschichte des Romans.

Der Leser, der dergleichen feierliche Todesanzeigen nur mit Skepsis und Unbehagen zur Kenntnis nimmt, wird ein wenig Schadenfreude kaum unterdrücken können, da nun ein anderer, ebenso ernster Gelehrter ihm apodiktisch erklärt: Nicht Joyce war es, sondern Kafka.

In seinem jüngst erschienenen Kafka-Buch nämlich verkündet Wilhelm Emrich noch radikaler nicht nur das Ende des Romans, auch nicht nur das der Literatur, sondern das Ende der Kunst schlechthin. „Kafkas Kunst zieht das Fazit aus der Geschichte der Kunst und beendet diese Geschichte, mögen noch zahllose Werke im Rahmen dieser versunkenen Geschichte ahnungslos weiter erscheinen.“

Der Leser fragt sich: Ist es überhaupt gerechtfertigt, das Ende der Kunst zu verkünden, solange es noch Menschen gibt, die Kunst hervorbringen wollen? Kann man die Kunst totsagen, nicht, weil sich die Künstler erschöpft hätten, sondern lediglich weil sie einen Höhepunkt erreicht hat? Gibt es nur diesen einen Höhepunkt? Und wer entscheidet darüber, wo er liegt?

Er fragt weiter: Ist die Geschichte der Kunst wirklich eine stete Aufwärtsbewegung zu einem unüberbietbaren Gipfel hin?

Oder ist die Geschichte der Kunst nicht doch die Geschichte auch selbständiger Bemühungen um Vollkommenheit – wenn auch mit Verzahnungen hier und dort? Kann man also das Gebäude der Kunst überhaupt mit solcher Strenge hierarchisch gliedern und proklamieren: Das ist oben, das ist unten? Nein, die Kunst ist so unerschöpflich wie das Leben selbst.

Als der Parthenon stand, war die Geschichte der Architektur keineswegs zu Ende. Sie war nicht einmal zu Ende, als die Gestaltungskraft jener Kultur erlahmt war. Tausende von Jahren später wuchs zum Beispiel in Chartres eine Kathedrale aus dem Boden: ein neuer und wiederum unüberbietbarer Gipfel der Kunst. Eduard