pk, an der Ostsee

Es ist ja nicht so, daß jetzt alle Welt Ferien hätte. Das soll auch gar nicht sein, denn bekanntlich liegt der Reiz im Unterschied. Ich, auf jeden Fall, bin Urlauber. Sonne, Sand und Säuselwind sind jetzt meine Welt. Ab und zu fallen mir die „anderen“ ein, die im Büro sitzen, die daheim geblieben sind. Für sie gibt es die Ansichtskarten. Sie sind meist noch schöner als die abgebildete Gegend, aber die zu Hause können es kaum kontrollieren, sie kennen höchstens Mallorca.

Neulich war ich, weil ich keine Briefmarken zur Hand hatte, auf dem Postamt.

Das Postamt ist klein und still. Ich bin der einzige Kunde. Der offene Schalter, mit Schnörkel und Drahtgitter, stammt aus der Gründerzeit. Dahinter sitzt ein grauhaariger Beamter mit einem Gesicht, wie es die Leute hier an der Waterkant so haben: leicht gebräunt, blaue, sozusagen die Kimm absuchende Augen und verschmitzte Seemannsfältchen in den Augenwinkeln. Für mich sehen fast alle hier wie Seeleute aus.

Der Beamte schaut nur einen Augenblick auf. Dann wendet er sich wieder seiner Post zu. Er stempelt. Einen Vorgang (so heißt das wohl amtlich) nach dem anderen. Sorgfältig. Hier wird Handarbeit noch geschätzt. Nach einer Weile räuspere ich mich. Urlauber haben gewöhnlich wenig Zeit. Der Beamte weiß das. Ohne Murren bekomme ich die notwendigen Briefmarken.

Eine Frage kann ich mir nicht verkneifen. „Bitte, Herr Postrat, draußen scheint die Sonne. Ist das nicht verflixt langweilig und eintönig, so Stunde für Stunde, Tag für Tag diesen Stempel zu schwingen?“ Der Beamte schiebt den Stapel mit Briefen und Postkarten zurück und sieht mich prüfend an.

Die Fältchen in seinen Augenwinkeln scheinen sich noch zu vertiefen: „Langweilig, Herr Doktor?“ (Bin ich nicht, aber vermutlich ist er auch nicht Postrat.) „Eintönig? Wieso? Ich s-telle an dem S-tempel doch jeden Tag ein neues Datum ein ...“

Diesen inneren Abs-tand von seiner Arbeit müßte man manchmal haben!