Der Held am Herd – Seite 1

Von Henry Hemmer

Der Autor dieser "Epistel" verdient es, mit ehrenden Worten vorgestellt zu werden: Als Schriftsteller machte er sich einst einen Namen dadurch, daß er das Gegenstück zu "In 80 Tagen um die Welt" lieferte; seine Weltreise hatte mehrere tausend Tage gewährt, und was er davon nicht beschrieben hatte, das stellte er als grandseigneurialer Cafehaus- oder Kneipengast in Wien und Berlin anderen Schriftstellern zur Verfügung, die ihn als lebendes Archiv zu benutzen und seinen Humor und Witz zu genießen wußten. Der letzte Berliner Bohèmien, so darf man Henry Hemmer nennen. Er ist 84 Jahre alt und doch – wie folgender Aufsatz aus seiner Feder beweist – der modernsten Zeitgenossen einer.

Keineswegs bin ich der einzige Mann im Viertel, der mit der Einkaufstasche zum Markt läuft und sein Süppchen selbst kocht. Überall sehe ich Geschlechtsgenossen, die ebenfalls in hauswirtschaftlichem "Einsatz begriffen" sind. Beamte kommen mit Milchkännchen und einem Brotlaib aus dem Laden; Handwerker, Gents und Stifte geben sachkundige Orders in der Schlachterzeile; ein "Herr Doktor" füllt, nachdem ein Rentner mit einem Pfund Spinat abgezogen, seine Aktentasche mit dem besten Sommergemüse vom Stand. Zu Hause kann ich schräg gegenüber einen beschürzten Haushaltsvorstand mit einem Kochlöffel am Küchenfenster wahrnehmen, und an hohen Festtagen erhalte ich einen Teller selbstgebackenen Kuchens vom Buchhalter im Parterre, der mir auseinandersetzt, warum sein Napfkuchen lockerer ist als der seiner Frau. Also: Wir Männer sind ganz tüchtig am Werk.

Nicht weniger als 76 von hundert deutschen Männern helfen im Haushalt mit – so stellt die Statistik fest. Das ist ein Rekord. Im Frauenparadies USA sind es nur 73 v. H. Dabei war Deutschland gestern noch das Land der Hyperhausfrauen, wo kein Ehegatte auch nur einen Finger zu rühren brauchte. Verfechter der alten Männerherrlichkeit sind natürlich noch vorhanden und machen sich bemerkbar. Sie sagen, es ginge nicht an, daß wir deutschen Männer wie die "Ami-Gatten" am Spültisch in der Küche Fron leisten, während die Frau in der guten Stube mit ihren Freundinnen scherzt! Sie sagen: "Dahin wird’s bei uns niemals kommen!"

"Hoppla", lacht der Buchhalter unten, "wir sind schon mitten drin."

In Zweifelsfragen von hohem Wert eilt der deutsche Betrachter in die graue Vergangenheit zurück. Also: Ob sich die Urfrauen viel in der Familienhöhle blicken ließen? Das ist noch die Frage. Manche Anthropologen schildern sie als herumstreunende Amazonen, die vermutlich den Urmännern die Sorge um den Saurierbraten überließen. Feststeht auf jeden Fall, daß der Begriff "Haus-Frau" erst dann auftauchte, als man Häuser zu bauen und Frauen hinter Mauern zu verstecken gelernt hatte.

Frauen waren nicht, sie wurden Hausfrauen. Und was werden sie jetzt? Schiffskapitäne, Oberbürgermeister, Außenminister, Raketenforscher. Wenn es etwas gibt, das heute noch nicht Frauenarbeit ist, wird es das morgen bestimmt sein. Daraus folgt, daß es weder typische Männerarbeit noch typische Frauenarbeit gibt. Man sollte füglich nur sagen, daß es gewisse Arbeiten gibt, die üblicherweise von Männern, respektive von Frauen ausgeführt werden, und dies vielfach ohne Rücksicht auf die Erfordernisse der Zeit und auf spezielle Eignungen.

Der Held am Herd – Seite 2

Schon Nietzsche klagte, das Menschengeschlecht sei deswegen so heruntergekommen, weil wir ein so wichtiges Geschäft wie das Kochen den Frauen überließen, und die weibliche Intelligenz von heute ist vielfach der Ansicht, daß die Dinge dieser Welt weniger verfahren wären, wenn man die Politik den Frauen überantworte. Immerhin hat die Entwicklung der Welt gezeigt, daß für die meisten Berufe beide Geschlechter in ziemlich gleichem Maße befähigt sind. Nur auf Spezialgebieten innerhalb bestimmter Berufe werden bessere Spitzenleistungen hier von Männern, dort von Frauen erzielt, je nachdem sich männliche oder weibliche Eigenart dabei besser entfalten kann.

Am Herd beispielsweise wird sowohl von Männern wie von Frauen Großes geleistet. Was das Teilgebiet der Mehlspeisen angeht, so wird man freilich zugeben müssen, daß kein noch so routinierter maître d’hôtel eine aus dem Gefühl heraus operierende, auf Imponderabilien eingestellte wienerische oder böhmische Köchin zu ersetzen vermag. Dort hingegen, wo äußerste Akkuratesse verlangt wird, in der französischen und der chinesischen Küche oder dort, wo Beherztheit nötig ist, bei Grills oder Curries, ist ein Maskulinum unerläßlich!

Aus alledem geht hervor, daß wir den Unterschied zwischen Frauen- und Männerarbeit (falls wir ihn festhalten wollen) sehr viel feiner bestimmen müssen. Beispielsweise kann selbstverständlich ein Kellner fliegen, aber in ein Flugzeug gehört auch eine Stewardeß, weil sie eher befähigt ist, nervöse Fluggäste zu beruhigen. Dieses von Frauen ausströmende Gefühl der Geborgenheit beruht auf der Fähigkeit, ihr Wesen in ihr Tun mit einfließen zu lassen. E. T. A. Hoffmann holte, wenn seine Schauervisionen ihm selber Angst einjagten, seine Frau aus dem Bett an seinen Schreibtisch; das Klappern der Nadeln ihres Strickstrumpfes schenkte ihm Ruhe, wie das Klappern der Teetassen der Stewardeß die Fahrgäste beruhigt, die in einer Metallkapsel durch die Wolken sausen.

Danach ist es nicht mehr fraglich, worauf die Spezialleistungen der Frau beruhen: Sie beruhen auf ihrer Fähigkeit, den immer gleichen Geschehnissen des täglichen Lebens Gehalt zu verleihen, so daß sie, wenn sie einmal abwesend ist, eine quälende Leere hinterläßt. Dies ist es übrigens, was ihr die Oberhand im Hause von vornherein sichert, so daß ihre natürliche Stärke in ihrer Anwesenheit liegt – selbst noch dort, wo die Männer den größten Teil der Hausarbeit bereits übernommen haben ...

Mir scheint jedoch, daß viele Frauen einen schrecklichen Fehler machen: Wenn es nun einmal so ist, daß die Frauen mehr und mehr ins ehemals "feindliche Leben" streben, streben müssen und durch ihre Außentätigkeit an Ansehen gewinnen, so sollten sie sich hüten, den notwendig gewordenen männlichen Hauswirtschaftsbeitrag als einen Sieg zu verkünden. Wahrhaftig, man macht dem Manne die Hausarbeit nicht dadurch schmackhaft, daß man vor den Freundinnen renommiert: ‚Mein Mann trägt die Wäsche auf den Trockenboden und dreht die Rolle!‘ Mögen solche Worte sogar als Lob – und nicht als Eigenlob – gemeint sein: der Mann leidet unter solchen Bemerkungen wie ein Pferd unter lästigen Fliegen.

Seht doch, wie der unbeweibte Mann, den keine Kontrolle stört, mit Freude die häusliche Bürde trägt! In tiefem Frieden und mit Behagen erledigen Einsiedler, Großstadt-Klausner, Seeleute, Goldgräber, picknickende Kameraden die selbstverständlichen Griffe der Hausarbeit. Und zwischen der bruzzelnden Pfanne und dem Schein der Schreibtischlampe liegt das Glück manches Künstlers, manches einsamen Geistesschaffenden. Modern erzogene Jungen, die schon in der Schule mit Nadel und Faden, mit Kochlöffel und Kasserolle umgehen lernen, sind für eine moderne Ehe bestens präpariert, und manchem von ihnen macht es Freude, als guter Koch zu gelten. Ja, er will schon kochen, aber möglichst nicht jeden Tag und nicht, wenn er muß, und schon gar nicht, wenn er sich dabei in der Rolle des Schwächeren fühlen muß.

Wenn man, wie ich, jahrelang weit draußen in einer amerikanischen Prärie gehaust hat, ist man berechtigt zu sagen, daß die Wohnung der Frau das Haus, des Mannes Wohnung aber die Hütte ist. Kamen Frauen in unsere Blockhütten – gleich setzten wir Pfannen und Kasserollen in Bewegung. Aber wendeten sie sich dann selber solchen hüttlichen Obliegenheiten zu, so erwachten Gefühle in uns, die bislang in der männlichen Brust nur schlummerten. Wir freuten uns, ihnen jeden schweren Handgriff abnehmen zu können. Es ist dies eine Pionier-Haltung, die aus den männlichen Einsamkeiten der Neuen Welt auf die Städte übergegriffen hat. Daher gehört es in den USA einfach zum guten Ton, Frauen jede schwere körperliche Arbeit abzunehmen – auch im Haushalt.

Deshalb auch ist der vollkommene Ehemann kein Sklave, sondern ein Kavalier mit Familiensinn. Sein Trick war, daß er den vollautomatisierten Haushalt erfand. Und sein Lohn ist das Gefühl des Wertes, welchen er dadurch gewinnt, daß er sich als Kavalier zeigt – und sei es am Spültisch.